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Gesänge aus Goethe's Faust

Word count: 2626

by Conradin Kreutzer (1780 - 1849)

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1. Introduction


CHOR DER ENGEL:
 Christ ist erstanden!
 Freude dem Sterblichen,
 Den die verderblichen,
 Schleichenden, erblichen
 Mängel unwanden.

FAUST:
 [Welch tiefes Summen, welch ein heller Ton,
 Zieht mit Gewalt das Glas von meinem Munde?
 Verkündigt ihr dumpfen Glocken schon
 Des Osterfestes erste Feyerstunde?
 Ihr Chöre singt ihr schon den tröstlichen Gesang
 Der einst, um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
 Gewißheit einem neuen Bunde?]1

CHOR DER WEIBER:
 Mit Spezereyen
 Hatten wir ihn gepflegt,
 Wir seine Treuen
 Hatten ihn hingelegt;
 Tücher und Binden
 Reinlich unwanden wir,
 Ach! und wir finden
 Christ nicht mehr hier.

CHOR DER ENGEL:
 [Christ ist erstanden!
 Selig der Liebende,
 Der die Betrübende,
 Heilsam' und übende
 Prüfung bestanden.]2

FAUST:
 [Was sucht ihr, mächtig und gelind,
 Ihr Himmelstöne, mich am Staube?
 Klingt dort umher, wo weiche Menschen sind.
 Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;
 Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.
 Zu jenen Sphären wag' ich nicht zu streben,
 Woher die holde Nachricht tönt;
 Und doch, an diesen Klang von Jugend auf gewöhnt,
 Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben.
 Sonst stürzte sich der Himmels-Liebe Kuß
 Auf mich herab in ernster Sabathstille;
 Da klang so ahnungsvoll des Glockentones Fülle,
 Und ein Gebet war brünstiger Genuß;
 Ein unbegreiflich holdes Sehnen
 Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn,
 Und unter tausend heißen Thränen
 Fühlt' ich mir eine Welt entstehn.
 Dies Lied verkündete der Jugend muntre Spiele,
 Der Frühlingsfeyer freies Glück;
 Erinnrung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
 Vom letzten, ernsten Schritt zurück.
 O tönet fort ihr süßen Himmelslieder!
 Die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!]1

CHOR DER JÜNGER:
 Hat der Begrabene
 Schon sich nach oben,
 Lebend Erhabene,
 Herrlich erhoben;
 Ist er in Werdelust
 Schaffender Freude nah;
 Ach! an der Erde Brust,
 Sind wir zum Leide da.
 Ließ er die Seinen
 Schmachtend uns hier zurück;
 Ach! wir beweinen
 Meister dein Glück!

CHOR DER ENGEL:
 Christ ist erstanden,
 Aus der Verwesung Schoos.
 Reißet von Banden
 [Freudig euch]3 los!
 Thätig ihn preisenden,
 Liebe beweisenden,
 Brüderlich speisenden,
 Predigend reisenden,
 Wonne verheißenden
 Euch ist der Meister nah',
 Euch ist er da!


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Confirmed with Goethe's Werke, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Zwölfter Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cottaschen Buchhandlung, 1828, pages 44-47; and with Faust. Eine Tragödie von Goethe, Tübingen, in der J.G.Cotta'schen Buchhandlung, 1808, pages 53-56.

1 omitted by Kreutzer, Radziwill, and Röntgen.
2 Kreutzer repeats the first "Christ ist erstanden" instead of this stanza.
3 Röntgen: "Euch freudig"

2. Ein Bettler vor dem Tor


Ihr guten Herrn, ihr schönen Frauen,
So wohlgetputzt und backenrot,
Belieb' es euch mich anzuschauen
Und seht und [mildert]1 meine Not!
Laßt hier mich nicht vergebens leiern!
Nur der ist froh, der geben mag.
Ein Tag, den alle Menschen feiern,
Er sei für mich ein Erntetag.


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1 Kreutzer: "lindert"

3. Soldatenchor


Soldaten
 Burgen mit hohen
 Mauern und Zinnen,
 Mädchen mit stolzen
 Höhnenden Sinnen
 Möcht' ich gewinnen!
 Kühn ist das Mühen,
 Herrlich der Lohn!

 Und die Trompete
 Lassen wir werben,
 Wie zu der Freude,
 So zum Verderben.
 [Das ist ein Stürmen!]1
 Das ist ein Leben!

 Mädchen und Burgen
 Müssen sich geben.
 Kühn ist das Mühen,
 Herrlich der Lohn!
 Und die Soldaten
 Ziehen davon.


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1 omitted by Radziwill.

4. Bauern unter der Linde


Ein junger Bauer
 Der Schäfer putzte sich zum Tanz
 Mit bunter Jacke, Band und Kranz,
 Schmuck war er angezogen,
 Schon um die Linde war es voll,
 Und alles tanzte schon wie toll.

Chor der Bauern
 Juchhe! Juchhe!
 Juchheisa! Heisa! He!

Bauer
 So ging der Fiedelbogen.

 Er drückte hastig sich heran,
 Da stieß er an ein Mädchen an
 Mit seinem Ellenbogen;
 Die frische Dirne kehrt' sich um
 Und sagte: nun das find' ich dumm!

Chor
 Juchhe! Juchhe!
 Juchheisa! Heisa! He!

Bauer
 Seid nicht so ungezogen!

 Doch hurtig in dem Kreise ging's,
 Sie tanzten rechts, sie tanzten links
 Und all Röcke flogen.
 Sie wurden rot, sie wurden warm
 Und ruhten atmend Arm in Arm.

Chor
 Juchhe! Juchhe!
 Juchheisa! Heisa! He!

Bauer
 Und Hüft' an Ellenbogen.

 Und tu' mir doch nicht so vertraut!
 Wie Mancher hat nicht seine Braut
 Belogen und betrogen!
 Er schmeichelte sie doch bei Seit'
 Und von der Linde scholl es weit!

Chor
 Juchhe! Juchhe!
 Juchheisa! Heisa! He!

Bauer
 Geschrei und Fiedelbogen!


Confirmed with Goethes Poetische Werke vol. V: Die grossen Dramen, ed. by Liselotte Lohrer, Stuttgart, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, 1951, pages 189-190.


5. Faust im Studierzimmer

Note: this is a multi-text setting

Faust
 Verlassen hab' ich Feld und Auen,
 Die eine tiefe Nacht bedeckt,
 Mit ahndungsvollem heil'gem Grauen
 In uns die bessre Seele weckt.
 Entschlafen sind nun wilde Triebe,
 Mit jedem ungestümen Thun;
 Es reget sich die Menschenliebe,
 Die Liebe Gottes regt sich nun.


Ach, wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe freundlich wieder brennt,
Dann wird's in unserm Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt.
Vernunft fängt wieder an zu sprechen,
Und Hoffnung wieder an zu blühn;
Man sehnt sich nach des Lebens Bächen,
Ach! Nach des Lebens Quelle hin.


6. Chor der Geister


[MEPHISTOPHELES:
[...]
 Bereitung braucht es nicht voran,
 Beisammen sind wir, fanget an!]1

GEISTER:
 Schwindet, ihr [dunkeln]2
 Wölbungen droben!
 Reizender schaue
 Freundlich der blaue
 Äther herein!
 Wären die dunkeln
 Wolken zerronnen!
 Sternelein funkeln,
 Mildere Sonnen
 Scheinen darein.
 Himmlischer Söhne
 Geistige Schöne,
 Schwankende Beugung
 Schwebet vorüber.
 Sehnende Neigung
 Folget hinüber;
 Und der Gewänder
 Flatternde Bänder
 Decken die Länder,
 Decken die Laube,
 Wo sich für's Leben,
 Tief in Gedanken,
 Liebende geben.
 Laube bei Laube!
 Sprossende Ranken!
[ Lastende Traube]3
 Stürzt in's Behälter
 Drängender Kelter,
[ Stürzen in Bächen
 Schäumende Weine,
 Rieseln durch reine,
 Edle Gesteine,]3
 Lassen die Höhen
 Hinter sich liegen,
 Breiten zu Seen
 Sich ums Genüge
 Grünender Hügel.
 Und das Geflügel
 Schlürfet sich Wonne,
 Flieget der Sonne,
 Flieget den hellen
 Inseln entgegen,
 Die sich auf Wellen
 Gauklend bewegen;
 Wo wir in Chören
 Jauchzende hören,
 Über den Auen
 Tanzende schauen,
 Die sich im Freien
 Alle zerstreuen.
 Einige klimmen
 Über die Höhen,
 Andere schwimmen
 Über die Seen,
 Andere schweben;
 Alle zum Leben,
 Alle zur Ferne
 Liebender Sterne,
 Seliger Huld.
 
[MEPHISTOPHELES:
 Er schläft!  So recht, ihr luft'gen zarten Jungen!
 Ihr habt ihn treulich eingesungen!
 Für dies Konzert bin ich in eurer Schuld...]3


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1 omitted by Radziwill.
2 Radziwill: "dunklen"
3 omitted by Radziwill and Röntgen.

7. Chor der Geister


Geisterchor
 Weh! weh!
 Du hast sie zerstört,
 Die schöne Welt,
 Mit mächtiger Faust,
 Sie stürzt, sie zerfällt!
 Ein Halbgott hat sie zerschlagen!
 Wir tragen
 Die Trümmern ins Nichts hinüber,
 Und klagen
 Über die verlorne Schöne.
 Mächtiger
 Der Erdensöhne,
 Prächtiger
 Baue sie wieder,
 In deinem Busen baue sie auf!
 Neuen Lebenslauf
 Beginne,
 Mit hellem Sinne,
 Und neue Lieder
 Tönen darauf!

[MEPHISTOPHELES.
 Dies sind die kleinen
 Von den Meinen.
 Höre, wie zu Lust und Thaten
 Altklug sie rathen!
 In die Welt weit,
 Aus der Einsamkeit,
 Wo Sinnen und Säfte stocken,
 Wollen sie dich locken.]1


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1 omitted by Radziwill.

8. Auerbach's Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen

Note: this is a multi-text setting

Brander (auf den Tisch schlagend)
 Passt auf! Passt auf! Gehorchet mir!
 Ihr Herrn, gesteht, ich weiß zu leben,
 Verliebte Leute sitzen hier,
 Und diesen muss, nach Standsgebühr
 Zur guten Nacht ich was zum besten geben.
 Gebt Acht! Ein Lied vom neusten Schnitt!
 Und singt den Rundreim kräftig mit!


Es war eine Ratt' im Kellernest,
Lebte nur von Fett und Butter,
[Hatte]1 sich ein Ränzlein angemäst't,
Als wie der Doctor Luther.
Die Köchin hatt' ihr Gift gestellt;
Da ward's so eng' ihr in der Welt,
Als [hätte]2 sie Lieb' im Leibe.

Sie fuhr herum, sie fuhr heraus
Und soff aus allen Pfützen,
Zernagt', zerkratzt' das ganze Haus,
[Wollt']3 nichts ihr Wüten nützen;
Sie tät' gar manchen Ängstesprung,
Bald [hatte]1 das arme Tier genung
Als hätt' [es]4 Lieb' im Leibe.

Sie kam [für]5 Angst am hellen Tag
Der Küche zugelaufen,
Fiel an den Herd und zuckt' und lag,
Und tät erbärmlich schnaufen.
Da lachte die [Vergifterinn]6 noch:
Ha! sie pfeift auf dem letzten Loch,
Als [hätte]2 sie Lieb' im Leibe.
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1 Busoni, Kreutzer, Radziwill, Wagner: "Hatt' "
2 Busoni, Kreutzer, Radziwill, Wagner: "hätt' "
3 Radziwill: "Wollte"
4 Busoni, Kreutzer, Wagner: "sie"
5 Busoni, Kreutzer, Radziwill, Wagner: "vor"
6 Busoni, Kreutzer, Wagner: "Vergift'rin"



9. Recitativo und Tempo di Bolero


MEPHISTOPHELES.
 Wenn ich nicht irrte, hörten wir
 Geübte Stimmen Chorus singen?
 Gewiss, Gesang muss trefflich hier
 Von dieser Wölbung widerklingen!

FROSCH.
 Seid Ihr wohl gar ein Virtuos?

MEPHISTOPHELES.
 O nein! Die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß.

ALTMAYER.
 Gebt uns ein Lied!

MEPHISTOPHELES.
                    Wenn ihr begehrt, die Menge.

SIEBEL.
 Nur auch ein nagelneues Stück!

MEPHISTOPHELES.
 Wir kommen erst aus Spanien zurück,
 Dem schönen Land des Weins und der Gesänge.

 (Singt.)

 Es war einmal ein König,
 Der hatt' einen großen Floh --

FROSCH.
 Horcht! Einen Froh! Habt ihr das wohl gefasst?
 Ein Floh ist mir ein saubrer Gast.

MEPHISTOPHELES (singt)
   Es war einmal ein König,
   Der hatt' einen großen Floh,
   Den liebt' er gar nicht wenig,
   Als wie seinen eignen Sohn.
   Da rief er seinen Schneider,
   Der Schneider kam heran:
   Da, miss dem Junker Kleider
   Und miss ihm Hosen an!

BRANDER.
 Vergesst nur nicht, dem Schneider einzuschärfen,
 Dass er mir aufs genauste misst,
 Und dass, so lieb sein Kopf ihm ist,
 Die Hosen keine Falten werfen!

MEPHISTOPHELES.
   In Sammet und in Seide
   War er nun angetan,
   Hatte Bänder auf dem Kleide,
   Hatt' auch ein Kreuz daran,
   Und war sogleich Minister,
   Und hatt' einen großen Stern.
   Da wurden seine Geschwister
   Bei Hof auch große Herrn. 
   Und Herrn und Fraun am Hofe,
   Die waren sehr geplagt,
   Die Königin und die Zofe
   Gestochen und genagt,
   Und durften sie nicht knicken,
   Und weg sie jucken nicht.
   Wir knicken und ersticken
   Doch gleich, wenn einer sticht.

CHORUS (jauchzend)
 Wir knicken und ersticken
 Doch gleich, wenn einer sticht.


10. Strasse (Faust - Margarethe vorübergehend)


FAUST.
 Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,
 Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

MARGARETE.
 Bin weder Fräulein, weder schön,
 Kann ungeleitet nach Hause gehn.

 (Sie macht sich los und ab)

FAUST.
 Beim Himmel, dieses Kind ist schön!
 So etwas hab' ich nie gesehn.
 Sie ist so sitt- und tugendreich,
 Und etwas schnippisch doch zugleich.
 Der Lippe Rot, der Wange Licht,
 Die Tage der Welt vergess' ich's nicht!
 Wie sie die Augen niederschlägt,
 Hat tief sich in mein Herz geprägt;
 Wie sie kurz angebunden war,
 Das ist nun zum Entzücken gar!


11. Abend

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MARGARETE (ihre Zöpfe flechtend und aufbindend)
 Ich gäb' was drum, wenn ich nur wüsst',
 Wer heut der Herr gewesen ist!
 Er sah gewiss recht wacker aus,
 Und ist aus einem edlen Haus;
 Das konnt' ich ihm an der Stirne lesen --
 Er wär' auch sonst nicht so keck gewesen.


MARGARETE (mit einer Lampe)
 Es ist so schwül, so dumpfig hie,
 (Sie macht das Fenster auf.)
 Und ist doch eben so warm nicht drauß'.
 Es wird mir so, ich weiß nicht wie --
 Ich wollt', die Mutter käm' nach Haus.
 Mir läuft ein Schauer übern ganzen Leib --
 Bin doch ein töricht furchtsam Weib!

 (Sie fängt an zu singen, indem sie sich auszieht.)


12. Romanze: Es war ein König in Thule


Es war ein König in Thule
Gar treu bis an [das]1 Grab,
Dem sterbend seine Buhle
Einen goldnen Becher gab.

Es ging ihm nichts darüber,
Er leert' ihn jeden Schmaus;
Die Augen gingen ihm über,
So oft er trank daraus.

Und als er kam zu sterben,
Zählt' er seine Städt' im Reich,
[Gönnt']2 alles [seinem]3 Erben,
Den Becher nicht zugleich.

Er saß beim Königsmahle,
Die Ritter um ihn her,
[Auf hohem]4 Vätersaale,
Dort auf dem Schloß am Meer.

Dort stand der alte Zecher,
Trank letzte Lebensgluth,
Und warf den [heil'gen]5 Becher
Hinunter in die Fluth.

Er sah ihn stürzen, trinken,
Und sinken tief ins Meer.
Die Augen täten ihm sinken;
Trank nie einen Tropfen mehr.


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Confirmed with Goethe's Werke, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Erster Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cottaschen Buchhandlung, 1827, pages 187-188; and with Faust. Ein Fragment. in Goethe's Schriften. Siebenter Band. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1790, pages 94-95.

First published in a different version in Volks- und andere Lieder, mit Begleitung des Forte piano, In Musik gesetzt von Siegmund Freyherrn von Seckendorff. Dritte Sammlung. Dessau, 1782, pages 6-9; see below.

1 Liszt: "sein"
2 Zelter: "Lies"
3 Fritze, Liszt: "seinen"
4 Zelter: "In hohen"
5 Goethe (Faust): "heiligen"

13. Gretchen allein, nach dem Gespräch im Garten


MARGARETE
 Du lieber Gott! Was so ein Mann
 Nicht alles alles denken kann!
 Beschämt nur steh' ich vor ihm da
 Und sag' zu allen Sachen ja.
 Bin doch ein arm unwissend Kind,
 Begreife nicht, was er an mir find't.


14. Recitativo und Arioso


MARGARETE
 (Sie eröffnet den Schrein, ihre Kleider einzuräumen,
 und erblrickt das Schmuckkästchen.)
 Wie kommt das schöne Kästchen hier herein?
 Ich schloss doch ganz gewiss den Schrein.
 Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein?
 Vielleicht bracht's jemand als ein Pfand,
 Und meine Mutter lieh darauf.
 Da hängt ein Schlüsselchen am Band --
 Ich denke wohl, ich mach' es auf!
 Was ist das? Gott im Himmel! Schau',
 So was hab' ich mein' Tage nicht gesehn!
 Ein Schmuck! Mit dem könnt' eine Edelfrau
 Am höchsten Feiertage gehn.
 Wie sollte mir die Kette stehn?
 Wem mag die Herrlichkeit gehören?

 (Sie putzt sich damit auf und tritt vor den Spiegel.)

 Wenn nur die Ohrring' meine wären!
 Man sieht doch gleich ganz anders drein.
 Was hilft euch Schönheit, junges Blut?
 Das ist wohl alles schön und gut,
 Allein man lässt's auch alles sein;
 Man lobt euch halb mit Erbarmen.
 Nach Golde drängt,
 Am Golde hängt
 Doch alles. Ach wir Armen!


15. Wald in Höhle


Was ist die Himmelsfreud in ihren Armen?
Laß mich an ihrer Brust erwarmen!
Fühl ich nicht immer ihre Not?
Bin ich der Flüchtling nicht?  der Unbehauste?
Der Unmensch ohne Zweck und Ruh,
Der wie ein Wassersturz von Fels zu Felsen brauste,
Begierig wütend nach dem Abgrund zu?
Und seitwärts sie, mit kindlich dumpfen Sinnen,
Im Hüttchen auf dem kleinen Alpenfeld,
Und all ihr häusliches Beginnen
Umfangen in der kleinen Welt.
Und ich, der Gottverhaßte,
Hatte nicht genug,
Daß ich die Felsen faßte
Und sie zu Trümmern schlug!
Sie, ihren Frieden mußt ich untergraben!
Du, Hölle, mußtest dieses Opfer haben.
Hilf, Teufel, mir die Zeit der Angst verkürzen.
Was muß geschehn, mag's gleich geschehn!
Mag ihr Geschick auf mich zusammenstürzen
Und sie mit mir zugrunde gehn!


16. Gretchens Klage


Gretchens Stube. Gretchen am Spinnrade allein.
 
Meine Ruh' ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.

Wo ich ihn nicht hab'
Ist mir das Grab,
Die ganze Welt
Ist mir vergällt.

Mein armer Kopf
Ist mir verrückt,
Mein armer Sinn
Ist mir zerstückt.

Meine Ruh' ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.

Nach ihm nur schau' ich
Zum Fenster hinaus,
Nach ihm nur geh' ich
Aus dem Haus.

Sein hoher Gang,
Sein' edle Gestalt,
Seines Mundes Lächeln,
Seiner Augen Gewalt,

Und seiner Rede
Zauberfluß,
Sein Händedruck,
Und ach sein Kuß!

Meine Ruh' ist hin,
Mein Herz ist schwer,
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.

Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
[Ach]1 dürft ich fassen
Und halten ihn!

Und küssen ihn2
So wie ich wollt',
An seinen Küssen
Vergehen sollt'!


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Confirmed with Goethe's Werke, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Zwölfter Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cottaschen Buchhandlung, 1828, pages 177-178; with Faust. Eine Tragödie von Goethe, Tübingen, in der J.G.Cotta'schen Buchhandlung, 1808, pages 223-225; and with Faust. Ein Fragment. in Goethe's Schriften. Siebenter Band. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1790, pages 133-135.

1 Zelter: "Als"
2 Goethe did not split the final eight lines into two stanzas prior to 1828.

17. In Marthens Garten


MARGRETHE
[...]
 Glaubst du an Gott?

FAUST
 Mein Liebchen, wer darf sagen:
 Ich glaub' an Gott?
 Magst Priester oder Weise fragen,
 Und ihre Antwort scheint nur Spott
 Über den Frager zu sein.

MARGRETHE
 So glaubst du nicht?

FAUST
 Mißhör' mich nicht, du holdes Angesicht!
 Wer darf ihn nennen?
 Und wer bekennen:
 Ich glaub' ihn?
 Wer empfinden
 Und sich unterwinden
 Zu sagen: Ich glaub' ihn nicht?
 Der Allumfasser,
 Der Allerhalter,
 Fasst und erhält er nicht
 Dich, mich, sich selbst?
 Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
 Liegt die Erde nicht hierunten fest?
 Und steigen freundlich blickend
 Ewige Sterne nicht herauf?
 Schau' ich nicht Aug' in Auge dir,
 Und drängt nicht alles
 Nach Haupt und Herzen dir,
 Und webt in ewigem Geheimnis
 Unsichtbar sichtbar neben dir?
 Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist,
 Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
 Nenn' es dann, wie du willst,
 Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
 Ich habe keinen Namen
 Dafür! Gefühl ist alles;
 Name ist Schall und Rauch,
 Umnebelnd Himmelsglut.

MARGRETHE
 Das ist alles recht schön und gut;
 Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,
 Nur mit ein bisschen andern Worten.

FAUST
 Es sagen's aller Orten
 Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
 Jedes in seiner Sprache;
 Warum nicht ich in der meinen?


18. Am Brunnen


GRETCHEN (Nach der Gespräche mit Lieschen, nach Hause gehend, betrübt)
 Wie konnt' ich sonst so tapfer schmählen,
 [Sah ich]1 ein armes Mägdlein fehlen!
 Wie konnt' ich über andrer Sünden
 Nicht Worte g'nug der Zunge finden!
 Wie schien mir's schwarz, und schwärzt's noch gar,
 Mir's immer doch nicht schwarz g'nug war,
 Und segnet' mich und tat so groß,
 Und bin nun selbst der Sünde bloß!
 Doch -- alles, was dazu mich trieb,
 Gott! War so gut! Ach, war so lieb!


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1 Kreutzer: "Wenn tät"

19. Zwinger


Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein [Antlitz gnädig]1 meiner Noth!

Das Schwert im Herzen,
Mit tausend Schmerzen
Blickst auf zu deines Sohnes Tod.

Zum Vater blickst du,
Und Seufzer schickst du
Hinauf um sein' und deine Noth.

Wer fühlet,
Wie wühlet
Der Schmerz mir im Gebein?
Was mein armes Herz hier banget,
Was es zittert, was verlanget,
Weißt nur du, nur du allein!

Wohin ich immer gehe,
Wie weh, wie weh, wie wehe
Wird mir im Busen hier!
Ich bin ach kaum alleine,
Ich wein', ich wein', ich weine,
Das Herz zerbricht in mir.

Die Scherben vor meinem Fenster
Bethaut' ich mit Thränen, ach!
Als ich am frühen Morgen
Dir diese Blumen brach.

Schien hell in meine Kammer
Die Sonne früh herauf,
Saß ich in allem Jammer
In meinem Bett' schon auf.

Hilf! rette mich von Schmach und Tod!
Ach neige,
Du Schmerzenreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Noth!


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Confirmed with Goethe's Werke, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Zwölfter Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cottaschen Buchhandlung, 1828, pages 189-190; and with Faust. Ein Fragment. in Goethe's Schriften. Siebenter Band. Leipzig, bey Georg Joachim Göschen, 1790, pages 161-163.

1 Loewe: "gnädig Antlitz"

20. Nacht. Straße vor Gretchens Tür


VALENTIN (Soldat, Gretchens Bruder)
 Wenn ich [saß]1 bei einem Gelag,
 Wo mancher sich berühmen mag,
 Und die Gesellen mir den Flor
 Der Mägdlein laut gepriesen vor,
 Mit vollem Glas das Lob verschwemmt --
 Den Ellenbogen aufgestemmt;
 Saß ich in meiner sichern Ruh',
 Hört' all dem Schwadronieren zu
 Und streiche lächelnd meinen Bart,
 Und kriege das volle Glas zur Hand
 Und sage: Alles nach seiner Art!
 Aber ist eine im ganzen Land,
 Die meiner trauten Gretel gleicht,
 Die meiner Schwester das Wasser reicht?
 Topp! Topp! Kling! Klang! Das ging herum;
 Die einen schrieen: Er hat recht,
 Sie ist die Zier vom ganzen Geschlecht!
 Da saßen alle die Lober stumm.
 Und nun! -- Um's Haar sich auszuraufen
 Und an den Wänden hinaufzulaufen! --
 Mit Stichelreden, Naserümpfen
 Soll jeder Schurke mich beschimpfen!
 Soll wie ein böser Schuldner sitzen,
 Bei jedem Zufallswörtchen schwitzen!
 Und möcht' ich sie zusammenschmeißen
 Könnt' ich sie doch nicht Lügner heißen.


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1 Kreutzer: "so saß"

21. Recitando und Romanze

Note: this is a multi-text setting

MEPHISTOPHELES
 [Es sollt' euch eben nicht verdrießen
 Umsonst auch etwas zu genießen.]1
 Jetzt da der Himmel voller Sterne glüht,
 Sollt ihr ein wahres Kunststück hören:
 Ich sing' ihr ein moralisch Lied,
 Um sie gewisser zu bethören.
View original text (without footnotes)
1 not set by Kreutzer



MEPHISTOPHELES (Singt zur Zither)
 Was machst du mir
 Vor Liebchens Tür,
 Kathrinchen, hier
 Bei frühem Tagesblicke?
 Lass, lass es sein!
 Er lässt dich ein
 Als Mädchen ein,
 Als Mädchen nicht zurücke. 

 Nehmt euch in Acht
 Ist es vollbracht,
 Dann gute Nacht,
 Ihr armen, armen Dinger!
 Habt ihr euch lieb,
 Tut keinem Dieb
 Nur nichts zu lieb,
 Als mit dem Ring am Finger.


22. Dom. Amt, Orgel un Gesang


Dom. Amt, Orgel und Gesang. Gretchen unter
vielem Volke. Böser Geist hinter Gretchen.
 
Böser Geist
 Wie anders, Gretchen, war dir's,
 Als du noch voll Unschuld
 [Hier]1 zum Altar trat'st,
 Aus dem vergriffnen Büchelchen
 Gebete lalltest,
 Halb Kinderspiele,
 Halb Gott im Herzen!
 Gretchen!
 Wo steht dein Kopf?
 In deinem Herzen,
 Welche Missethat?
 Bet'st du für deiner Mutter Seele, die
 Durch dich zur langen, langen Pein hinüberschlief?
 Auf deiner Schwelle wessen Blut?
 - Und unter deinem Herzen
 Regt sich's nicht quillend schon,
 Und [ängstet]2 dich und sich
 Mit ahnungsvoller Gegenwart?

Gretchen
 Weh! Weh!
 Wär' ich der Gedanken los,
 Die mir herüber und hinüber gehen
 Wider mich!

Chor
 Dies irae, dies illa
 Solvet saeclum in favilla.

Böser Geist
 Grimm faßt dich!
 Die Posaune tönt!
 Die Gräber beben!
 Und dein Herz,
 Aus Aschenruh'
 Zu Flammenqualen
 Wieder [aufgeschaffen]3,
 Bebt auf!

Gretchen
 Wär' ich hier weg!
 Mir ist als ob die Orgel mir
 Den Athem versetzte,
 Gesang mein Herz
 Im Tiefsten lös'te.

Chor
 Judex ergo cum sedebit,
 Quidquid latet adparebit,
 Nil inultum remanebit.

Gretchen
 Mir wird so [eng]4!
 Die [Mauern-Pfeiler]5
 Befangen mich!
 Das Gewölbe
 Drängt mich! - Luft!

Böser Geist
 Verbirg dich! Sünd' und [Schande]6
 Bleibt nicht verborgen.
 Luft? Licht?
 [Weh]7 dir!

Chor
 Quid sum miser tunc dicturus?
 Quem patronum rogaturus?
 Cum vix justus sit securus.

Böser Geist
 Ihr Antlitz wenden
 Verklärte von dir ab.
 Die Hände dir zu reichen,
 [Schauert's]8 den Reinen.
 Weh!

Chor
 Quid sum miser tunc dicturus?
[ 
Gretchen
 Nachbarin! Euer Fläschchen! --
 
Sie fällt in Ohnmacht.]9


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Confirmed with Goethe's Werke, Vollständige Ausgabe letzter Hand, Zwölfter Band, Stuttgart und Tübingen, in der J.G.Cottaschen Buchhandlung, 1828, pages 199-201, and with Faust. Eine Tragödie von Goethe, Tübingen, in der J.G.Cotta'schen Buchhandlung, 1808, pages 252-255.

1 Schumann: "Her"
2 Schubert: "ängstigt"
3 Schubert: "aufgeschreckt"
4 Schubert: "bang"
5 Schubert: "Mauerpfeiler"
6 Schumann: "Schand'"
7 Schubert: "Wehe"
8 Schubert: "Schaudert's"
9 Schubert: replaced by "Quem patronum rogaturus?"

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     - Emily Ezust

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