by Hans Reinhart (1880 - 1963)

So liegt denn alles in der großen Ruh
Language: German (Deutsch) 
Ein kleiner Kirchhof im Hochgebirge.

Es ist Mitternacht und heller Vollmondschein breitet sich vom
gestirnten Himmel über das einsame Tal, welches in der ungeheuren
Stille der Sommernacht liegt. Um den Kirchhof, der auf einer buschigen
Anhöhe gebaut ist, dehnen sich abwärts hügelige Alpweiden, teilweise
mit niedern Lärchen und Föhren bewaldet. Von dort her vernimmt man
das eintönige schwüle Zirpen der Grillen und Heuschrecken. Oftmals
stockt es in geheimnisvollen Pausen, und dann hört die schlummernde 
Natur den
Gesang der Nacht
So liegt denn alles in der großen Ruh,
Und meines Sternenmantels schwere Falten
Sie ruhen auch und decken alles zu.
Die Erde liegt in sanften Nachtgewalten
Schlaft gut
In Traumes Hut
In nächtiger Ruh
Schlaft immer zu! 

Gesang des Mondscheines
Milchweißes Traum-Meer!
Gen meine ruhenden Wogen
Nahen Düfte gezogen.
Mit stillem Glanz
Trink' ich sie ganz
Und lege sie wieder
Zur Erde nieder:
Auf allen Wegen
Milchweißer Segen. 

Ein kleines Schlafwölklein
(allein am klaren Himmel schwebend)
Wer schenkte mir den wundersamen Traum?
Ich ruhe still im hohen kühlen Raum. 
All meine Schwestern sind hinabgeglitten;
Ich aber bin noch in die Sterne Mitten
Und gleite kaum.
Aus dunkler Ferne naht ein altes Rauschen.
Das ist mein Tod. In ihm muß ich verwehn.
Kann nimmer seinem Atemhauch entgehn.
Muß stille stehn
Und lauschen.
(zerfließt in Nebelflocken) 

Der Nachtwind
(kommt kalt und schwermütig von den Bergen gefahren. Sein Gesang
ist tief und dunkel. Er rauscht durch die Wipfel der alten Wettertannen,
die den Friedhof bewachen.)

Ahnen im Geschehen
Erkennen im Ahnen
Das ist der Sinn des Seins
Ist das Leben im All
Ist Gott.
(rauscht talwärts vorüber)

Gesang der alten Wettertannen
Da kommst du gefahren
Und rauschest dahin
Seit vieltausend Jahren
Ohne Ziel, ohne Sinn. 

Du kennst keine Güter
Schwermütiger Bote.
Wir uralten Hüter
Bewachen das Tote. 

Ein kleiner lahmer Vogel
(im Wipfel der einen Tanne schlafend, zwitschert im Traum)
Ziwitt!  Ziwitt! 
Nehmt mit!  Nehmt mit!
Ihr lieben Brüder! 
Mein Herz ist müder
Als meine Schwingen.
Kann nicht mehr singen.
Bin klein und schwach.
Ziwitt!!  --  Ach . . . !  Ach . . . !
Ziwitt!  Ziwitt!  --  Der Zug entschwand  -- 
Und ich sterbe allein im einsamen Land! 

Eine Fledermaus
(vom Dorfe her über die Gräber flatternd)
Ich hing schlaftot im hohen Kirchensaal,
Da traf mich sacht des Mondes Silberstrahl.
Nun flieg' ich weit durch mitternächtige Lüfte,
Hoch überm Taubel-Meer der Blumendüfte.
Von allen Wesen scheu und fremd gemieden,
Hinflieg' ich durch den weiten weißen Frieden. 

Eine Eidechse
(aus einem Erikastrauche schlüpfend)
Husch  --  Husch! 
Eidechse! 
Aus Gras und Busch
Und Schlinggewächse!
Hier riecht's nach frischer Leiche!
Blitz!  Daß ich sie erreiche!
Wie ruht sich's so kühl
Auf seidenem Pfühl! 
Hinab!  Hinab! 
Ins frische Grab!
(verschwindet unter dem Hügel) 

(Aus einem Doppelgrabe in der Mitte des Kirchhofes hebt sich der
Gesang zweier Liebenden. (Er steigt im Dufte der Blumen zur Nacht empor und sinkt wieder verhallend in die ruhenden Hügel hinab.) Die eine Stimme Geliebte! Auf deinem Grabe Die Lilien, Was weinen sie so still und einsam? Was sind ihre Wangen so fahl und feucht Von Traurigkeit und Tränen? Die andere Stimme Da ich all dein Leid Und all mein namenloses Weh Mit hinunter nahm ins Grab, Weinen meine Lilien, Und sind ihre Wangen So fahl und so feucht Von Traurigkeit und Tränen. Geliebter! Die eine Stimme Geliebte! Auf deinem Grabe Die Rosen, Wie sind sie so rot? Was glün sie so stumm und heiß? Was bluten sie so leise? Die andere Stimme Da ich all deine Liebe Und all meine Liebe Mit hinunter nahm ins Grab, Glühen sie so heiß, Bluten sie so leise Auf meinem Grabe die Rosen. Geliebter! Ein alter Grabstein (auf dem Hügel eines Unbekannten in der Kirchhofsecke) Seit man mich aus des Meisters Haus getragen, Steh' ich allhier in Erde halb versunken. Als Dach auf einem Haus voll trüber Fragen Rag' ich empor, verweint und todestrunken. Am Morgen wird man mich beiseite bringen. Die öde Wohnung fordert neuen Gast. Ich weiche gern. -- Ich lasse mich nicht zwingen. Ich bin mir selber eine alte Last. Leb' wohl du fremder Leichnam, unerkannter! Ich habe lang genug auf dir gefessen. Nun bin ich auch ein ewig Welt-Verbannter, Obgleich mich nicht die Würmer aufgefressen. Du bist verwest und ich bin arg verwittert, Wie dort der Mond mit seinem morschen Glanz. Sieh', wie sein altes Licht herniederzittert! Er naht -- und bringt -- den letzten Silberkranz -- (Er versinkt in tiefes Träumen. Im Ost dämmert der Tag über die Berge) Die Blumen (auf den Gräbern, taugeschmückt, im Halbschlafe) Welch' Leuchten dämmert aus den nächtigen Tiefen? Wie? -- Oder hält uns noch der Traum umfangen? Noch eben lagen wir vereint und schliefen, Da küßt uns feuchter Wind die weichen Wangen. Der Tag! -- der goldne Tag!! -- Erwacht, ihr Geister!!! Schon liegt ihm unser stilles Tal zu Füßen! So laßt auch uns den starken Herrn und Meister Im Taue erster Morgentränen grüßen! Gesang des Tages (über den Berghöhen erstrahlend) Schwele, schwele, ewige Seele, Durch das schöpferprächtige All! Trinke, lebensdurstige Kehle Flammenglut vom Sonnenball. Wirf den Staub zum Staube nieder. Was verblühte, mag vergehn. Neue Weisen, neue Lieder Laß' aus deinem Grab erstehn. Stark aus Schmerzen, Leid und Sehnen Schmiede dir ein Flügelpaar. Ein Geschmeid aus frühen Tränen Schmücke dein ergrautes Haar. Also schwing' dich auf und fliege Welthoch über Tod und Sein. Und zuhöchst in Gottes Wiege Schlafe sternumfriedet ein.

About the headline (FAQ)

Confirmed with Frührot -- Der Tag: Gedichte, Stuttgart: Axel Junckers Verlag, 1906. Appears inDer Tag, in Die Nacht, pages 202 - 209, titled "Ein Nachtspiel"; also confirmed with Gesammelte Dichtungen, erster Band, Erlenbach-Zürich und Leipzig: Rotapfel-Verlag, 1921. Appears in Gesammelte Gedichte aus den Jahren 1900 - 1920, in Das Jahr des Jüngers, in Postludium, pages 200 - 205, titled "Notturno Sinfonico". Another source lists the title as "Nächtlicher Zwiegesang".

Note beneath poem: (Dem Gesange, der im Aufgang der Sonne zu einem gewaltigen Hymnus anschwoll, eint sich nun das festlich-feierliche Geläte der Morgenglocken aus allen Höhen und Tälern.)


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

Text added to the website: 2019-08-03 00:00:00
Last modified: 2019-08-03 09:34:03
Line count: 176
Word count: 878