by Hermann Löns (1866 - 1914)

Zigeunerlied
Language: German (Deutsch) 
Die Lisa eine Hexe war,
das wussten alle Leute.
Als Kätzchen ging sie gestern um,
als Käutzchen flog sie heute.
Doch endlich hat man sie gefasst
im Wald beim Wurzeisuchen
und schleppte sie zum Galgenberg
trotz Wehgeheul und Fluchen.
Doch als sie auf dem Holzstoß war,
da sprach sie zu mir leise :
"Hol mir die alte Fiedel her,
zu spielen letzte Weise !"

Als ich ihr dann die Geige gab,
begann ein schrilles Tönen,
und Klänge wild, gespensterhaft
entlockte sie den Sehnen,
dass alles Volk im Kreise rings
verfiel dem Zauberreigen,
und immer toller noch begann
die Alte da zu geigen,
bis lang und kurz und jung und alt
vor wildem Taumel trunken,
da warf sie mir die Fiedel hin1,
verschwand als wie versunken.

Als ich das alte Geigenholz
nun an mich hatt' genommen,
hat eine wilde Wanderlust
mich stürmisch überkommen.
Wohl durch das ganze Ungarland
begann ich froh zu wandern,
von Agram bis nach Debreczin
von einem Nest zum andern.

Wo immer meine Fiedel klingt,
muss Schmerz und Trauer schwinden.
Sie flieh'n vor meinem Zauberspiel
wie Flugsand vor den Winden. -

Drei Saiten hat die Fiedel nur,
die halten wohl noch lange,
und jeden fasset wilde Lust
bei ihrem Zauberklange. -

Doch wenn die letzte Sehne reißt,
muss ich mein Wandern enden.
Dann ruh' ich unterm Rasen aus,
die Fiedel in den Händen.

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1 Violaspieler ruft krächzend :"Hei!" (the violist here calls out a raspy "Hei!")

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Winfried Schreiter

Text added to the website: 2012-05-23 00:00:00
Last modified: 2014-06-16 10:04:54
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