by Joseph Viktor von Scheffel (1826 - 1886)

Lang hat die Heimat mich erfreut
Language: German (Deutsch) 
  .. ze Stiure, den burge guot...
     Kunech Luarin, v. 1235.

Lang hat die Heimat mich erfreut, 
Jetzt gehn die Wege anders,
Zum letztenmale grüß' ich heut 
Die Stadt des weißen Panthers;
Wer wie die Lerche singen will 
Und wie die Lerche fliegen,
Darf sich nicht wohlgenährt und still 
Versitzen und verliegen.

Fahr wohl, die Hort und Nest mir war,
Du gute Burg von Steier,
Gott schenk dir noch manch lustsam Jahr,
Tanz, Schall und Rosenfeier.
Fahr wohl, duftsüßer Lindengang
Zur Gastner Klosterpforte,
Wo ich in erstem Singedrang
Den Vöglein stahl die Worte.

Fahr wohl, schneeblanke Alpenpracht,
Umblitzt vom Abendstrahle!
Frischrauschend drängt die Enns mit Macht 
Den Flutenschwall zu Thale,
Und Well' um Welle raunt mir zu:
"Auf, flieh mit uns ins Weite.
Der Tapfre kennt nicht Rast noch Ruh,
Und Kraft wächst nur im Streite."

Nun will mein Schritt sich frei und frank 
Zu fremden Freunden kehren;
Ich hab' gedient, mir ward mein Dank,
Mein Abschied steht in Ehren;
Und wie mit treuem Murmeltier
Singknaben sich belasten,
Trag' ich mein hungrig Glück mit mir,
Es sitzt im Fiedelkasten.

Jetzt gilt es, Hand und Kopf gerührt 
Und zeitig auf die Beine,
Den Gürtel fest und knapp geschnürt,
Der Schnabel fern vom Weine! 
Die Zukunft dämmert ungewiß,
Ich fahr' auf neuen Straßen...
Der Strom und Wellen wandern hieß,
Der wird mich nicht verlassen.

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Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

Text added to the website: 2012-06-27 00:00:00
Last modified: 2014-06-16 10:04:58
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