by Anonymous / Unidentified Author
Das Meer
Language: German (Deutsch)
In mich versenkt saß ich am Seegestade und spähte tiefer dem Gedanken nach: Woher kommt wohl auf unser'm Lebenspfade die Ebb' und Flut von Wohl und Ungemach? Von Gott? frug ich. „Nein, nein, er ist die Liebe,“ sprach's laut in mir und rief: „Schau um dich her!“ Ich tat's und freute mich des Gotts der Liebe im Blick aufs stille, grenzenlose Meer. Im Abendrot glich's einem hellen Spiegel, in dem ich rein des Himmels Abglanz sah; mein Geist schwang sich mit hoher Freude Flügel zu Gott empor und sang Halleluja. Schnell trübte sich das schöne Bild vom Himmel, unruhig ward's und finster auf der See, die Luft erfüllte heulendes Gewimmel, die Wellen stiegen brausend in die Höh'. Es schleuderte Vernichtung, Tod und Grauen der Wogen Wut auf die benahte Flur, die Freude floh von den beblümten Auen, zur Wüste ward die lachende Natur. Ich wandte mich von dieser Trauerszene, und abermals rief mir die Stimme nach: „Aus ihr, o Mensch, erkenne und entlehne des Wechsels Grund von Wohl und Ungemach! Dein eig'nes Herz erblicke in dem Bilde der stillen und der schnell empörten See, und sprich ihn frei, den Gott der Lieb' und Milde, von deines Lebens Ungemach und Weh'!“
Text Authorship:
- by Anonymous / Unidentified Author [author's text not yet checked against a primary source]
Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):
- by Gottlieb Heinrich Köhler (1765 - 1833), "Das Meer", op. 51 [sung text checked 1 time]
Researcher for this page: Johann Winkler
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