by Karl August Timotheus Kahlert (1807 - 1864)
Das öde Haus
Language: German (Deutsch)
Habt ihr im tiefen Walde das öde Haus geseh'n? Einst sah ich eine Hütte an seiner Stelle steh'n. Im Abendsonnenscheine saß hier ein alter Mann. Mit stolzem Dienertrosse ein Reiter kam heran. „Heraus, du träger Schuldner, der ganze Raum ist mein!“ „Ach, Herr, mein Weib wird sterben, ach, Herr, erbarmt euch mein!“ „Heraus, im Walde draußen ist Raum genug zum Tod!“ Da folgten still die Alten dem harten Machtgebot. Sie schwankten durch den tiefen, den menschenleeren Wald; es rauschten Sturm und Regen, die Nacht war schwarz und kalt. Sie kehrten nicht mehr wieder, stumm lag des Waldes Graus; hoch aus der morschen Hütte stieg auf ein stolzes Haus. Im Kreise üpp'ger Gäste ging's hoch und herrlich her. Der Hausherr sagte keinem, dass er zufrieden wär'. Denn nächtlich an der Pforte, da klopft' es zitternd an; zwei bleiche Schatten schwebten d'rauf um den reichen Mann. Da klang's wie Klag' und Bitte durch Zimmer, Trepp' und Saal am goldgestickten Lager bis zu dem Morgenstrahl. So klang's vor seinem Ohre, wo er auch stand und ging; ein toter Mann am Morgen einst an der Pforte hing. Habt ihr im tiefen Walde das öde Haus geseh'n? 's geht jeder still vorüber, wagt nicht hineinzugeh'n.
Confirmed with Gedichte von August Kahlert, Breslau, 1864.
Text Authorship:
- by Karl August Timotheus Kahlert (1807 - 1864), "Das öde Haus" [author's text checked 1 time against a primary source]
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