by Friedrich Heinrich Oser (1820 - 1891)
Höchste Liebe
Language: German (Deutsch)
Die Bäume blühten helle, da zog's mich aus dem Haus, Durch Berg und Thal zu wandern weit in das Land hinaus. Das ist die Zeit, da Liebe durch alle Fluren weht, Und wie die Blüthenknospe das Herz ihr offen steht! Und wie ich rüstig schreite durch all die Herrlichkeit, Und Wind und Wolken geben mir lustig das Geleit: Heut sei das Ziel der Reise, kam's mir zu Sinn behend, Wo unter Menschenkindern die höchste Lieb' ich fänd! Und fröhlich zog ich weiter im heißen Sonnenstrahl, Da winkt ein blankes Häuschen mir in den grünen Thal; Gar müd und durstig trat ich zur niedern Thür hinein: Frau Wirthin, schnell, Frau Wirthin, von ihrem hellsten Wein! Sieh! bei dem Glase saßen zwei Bursche, braun und frisch, Und sahn sich in die Augen so traurig übern Tisch, Und sangen leis ein Liedlein zum lekten Lebewohl: Ade, ade, Herzbruder! ade, gehab dich wohl! Und als nun in die Gläser die heiße Thräne fiel, Da dacht' ich: Bald gefunden war meiner Reise Ziel! Hält fester wer als Freunde zusammen bis zum Tod? Mag treuer wer erproben in Freude sich und Noth? Drauf, als die Zwei geschieden, war auch mein Fläschlein leer, Und weiter noch zu wandern, deß trug mein Herz Begehr: Klingt süßer doch im Lenze, denn aller Gläserklang, Vom lichten Blüthenbaume der Vögel Preisgesang. Bald manche Stunde wieder war ich vom Thale fern, Schon trat am klaren Himmel hervor der Abendstern: O Lust, o Lust, zu wandern hin durch die Frühlingsnacht, Wenn rings die Amseln schlagen und süß der Duft erwacht! Da hört' ich's nahe rauschen bei einem Lindenbaum, Zwei saßen kosend drunter in selgem Liebestraum: Wenn jedes Vöglein singend im Strauch sein Nest sich baut, Das sind die besten Tage, zu küssen seine Braut! Ei! dacht' ich: Doch am schönsten die Lieb' auf Erden blüht, Wenn sie im jungen Herzen zum ersten Mal erglüht! Und lächelnd bot den Zweien ich meinen frohen Gruß, Und lenkte singend heimwärts den wandermüden Fuß. Hell blitzten tausend Sterne vor mir am Himmel nun, Im ersten Schlummer mochte schon manch ein Müder ruhn, Da führte durch ein Dörfchen mich noch mein letzter Weg, Das lag so still und friedlich im blühenden Geheg. Und rings war Alles dunkel; nur durch ein Fensterlein Aus einer armen Hütte drang matt ein Lampenschein; Und als ich kam vorüber und in die Kammer sah, Welch Bild des tiefsten Schmerzes, o Gott! erblickt' ich da! Ein Mütterlein, das betend, so bang und todtenblaß, Allein noch an der Wiege des kranken Kindes saß. Ich selber hab' ein Thränlein im Auge jäh verspürt, Und flüsterte beim Scheiden gar ernst und tief gerührt: Gesegnet war mein Wandern! Noch in der letzten Stund Ließ Gott die höchste Liebe mir freundlich werden kund! Nun weiter noch zu forschen, führwahr, hat's keine Noth: Was gleicht dem Mutterherzen an Treue bis zum Tod?
Confirmed with Liederbuch von Friedrich Oser, 1842-1874. Mit einem biographischen Verzeichnis der Componisten, Basel: Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung, 1875, pages 355-357.
Text Authorship:
- by Friedrich Heinrich Oser (1820 - 1891), "Höchste Liebe", appears in Liederbuch, in 6. Romanzen, no. 380 [author's text checked 1 time against a primary source]
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