Der glorreiche Augenblick

Oratorio by Ludwig van Beethoven (1770 - 1827)

Word count: 833

1. Chor: Europa steht! [sung text checked 1 time]

CHOR
 Europa steht! 
 Und die Zeiten,
 die ewig schreiten,
 der Völker Chor,
 und die alten Jahrhundert,
 sie schauen verwundert empor!

 Wer muss die Hehre sein,
 die von dem Wunderschein,
 der alten Götterwelt umzogen,
 herauf von Osten geht
 in einer Fürstin Majestät,
 und auf des Friedens Regenbogen?

 Viele entzückte Völker stehn,
 rufend zu der herrlichen,
 kronengeschmückten,
 lichtumflossenen Gestalt:
 steh und halt!

 Gib der grossen Völkerrunde
 auf den Anruf Red' und Kunde!

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2. Rezitativ und Chor: O seht' sie nah' und näher treten! [sung text checked 1 time]

FÜHRER DES VOLKS
 O seht' sie nah' und näher treten!
 Jetzt aus der Glanzflut hebt sich die Gestalt!
 Der Kaisermantel ist's, der von dem Rücken 
 der Kommenden zur Erde niederwallt!
 Sechs Kronen zeiget er den Blicken,
 an diesem hat den Busenschluss
 der Aar geheftet mit den glod'nen Spangen,
 und um des Leibes Faltenguss
 seh' ich des Isters1 Silbergürtel prangen.

GENIUS
 Erkennst du nicht das heimische Gebild,
 auf seinem Wappenschild
 erscheinet dir die Lerchenschaar,
 der gotisch alte Thurm, der Doppelaar,
 der durch Gebraus und Sturm
 in tausendjähr'gem Flug
 sein Volk empor zu dieser Glorie trug?

CHOR
 Vienna! Vienna! Vienna!
 Kronengeschmückte, götterbeglückte,
 Herrscher bewirthende Bürgerin,
 sei gegrüsst von den Völkern allen und Zeiten,
 die an dir vorüberschreiten,
 denn jetzt bist du der Städte Königin.

Authorship

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1 an old name for the lower Danube.

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3. Rezitativ und Arie mit Chor: O Himmel, welch' Entzücken! [sung text checked 1 time]

VIENNA
 O Himmel, welch' Entzücken!
 Welch' Schauspiel zeigt sich meinen Blicken!
 Was nur die Erde hoch und hehres hat,
 in meinen Mauern hat es sich versammelt!
 Der Busen pocht! Die Zunge stammelt!
 Europa bin ich - nicht mehr eine Stadt.
 Der Heros1 der den Fuss aufstellet auf den Wolkenschemel,
 den alten Kaukasus und von dem Eismeer bis zur Memel
 ausbreitet seine Segenshand.
 Der Herrscher2 an der Spree Strand,
 der, als sein Land verloren,
 sein Reich geboren.
 Der König3, der am fernen Belt4
 das Vaterhaus und Scepter hält.
 Der Wittelsbacher5, dessen Land und Schild
 ein Bild der Kraft sind und der Güte.
 Und der Gekrönte6 auch,der mit der Kraft 
 der Babenberger7 wirkt und schafft 
 in Deutschlands Paradiese!

 Alle die Herrscher darf ich grüssen,
 alle die Völker freundlich küssen!

CHOR
 Heil, Vienna, dir und Glück!
 Stolze Roma, trete zurück!

VIENNA
 Und das höchste seh ich gescheh'n
 und mein Volk wird Zeuge steh'n,
 wenn ein gesprengter Welttheil wieder
 sich zum Ringe füget und schliesst,
 und zum Bunde friedlicher Brüder
 sich die gelöste Menschheit küsst!

CHOR
 Welt! dein glorreicher Augenblick!

VIENNA
 Und nach meines Kaisers Rechten
 greifen die Herrscherhände all,
 einen ewigen Ring zu flechten.
 Und auf meinem gesprengten Wall
 baut sich Europa wieder auf.

CHOR
 Heil, Vienna, dir und Glück!
 Fei're den glorreichen Augenblick!
 Stolze Roma, trete zurück!

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1 Tsar Alexander of Russia
2 King Friedrich Wilhelm III of Prussia
3 King Frederick VI of Denmark and Norway
4 Straits of Denmark
5 King Maximilian I Joseph of Bavaria
6 Emperor Franz I (Habsburg) of Austria
7 Austrian ruling house during the Middle Ages

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4. Rezitativ und Kavatine mit Chor: Das Auge schaut, in dessen Wimpergleise [sung text checked 1 time]

SEHERIN
 Das Auge schaut, in dessen Wimpergleise
 die Sonnen auf- und niedergeh'n, die Stern' 
 und Völker ihre Bahnen drehn, o seht es 
 über jenem Kreis der Kronenträger glänzend stehn!
 Dies Äug', es ist das Weltgericht,
 das die zusammen hier gewunden,
 um derentwillen nicht Europa
 in dem Blutmeer ist versunken.
 O kniet, Völker, hin und betet
 zuerst zu dem, der euch gerettet!

Kavatine mit Chor

SEHERIN
 Dem die erste Zähre
 droben in dem Sonnenhaus,
 der schon in dem Sturme drauss' 
 mit der Allmacht Hand
 Könige und Heere
 aneinander flocht und band.

CHOR
 Gott die erste Zähre
 droben in dem Sonnenhaus,
 usw.

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5. Rezitativ und Quartett: Der den Bund im Sturme festgehalten [sung text checked 1 time]

SEHERIN
 Der den Bund im Sturme festgehalten,
 er wird den Bau der neuen Welt,
 der neuen Zeit auch festhalten,
 dass dran des Frevels Arm zerschellt.

VIENNA
 Ewig wird der Ölzweig grünen, 
 den der Chor dieser, die den Bau jetzt gründen,
 um Europas Säulen winden.

SEHERIN
 Denn es steht ein Herz davor

FÜHRER DES WOLKES
 Und es ist ein Gott mit ihnen.

GENIUS
 Und die alten Zeiten werden
 endlich wieder sein auf Erden.

Quartett

VIENNA
 In meinen Mauern bauen
 sich neue Zeiten auf,
 und alle Völker schauen
 mit kindlichem Vertrauen
 und lautem Jubel drauf.

GENIUS
 Sieh wie die Fahnen alle
 der Herr zusammenband
 und sie auf deinem Walle,
 zur Schau dem Weltenballe,
 hinaushängt in das Land.

VIENNA, GENIUS
 So ist auf meinem Mauerbogen
 Europas Hauptwach aufgezogen.

FÜHRER DES VOLKES
 O Volk, das gross getragen
 das blutige Geschick,
 dir ist zu schönen Tagen
 die Pforte aufgeschlagen
 in diesem Augenblick.

SEHERIN
 Dem Wort lass Jubel schallen,
 das deine Burgwand trägt.
 Es in ihren Hallen
 ein Pfand nie zu verfallen
 der Ewige eingelegt.

SEHERIN, FÜHRER DES VOLKES
 Europa's Diademe alle,

GENIUS
                       erkenn' es, bete an!

SEHERIN, FÜHRER DES VOLKES
 Auf einem eingeworfnen Walle, 

GENIUS
                              das hat der Herr gethan.
 
GENIUS, FÜHRER DES VOLKES
 Kein Äug' ist da,
 das seinem Fürsten nicht begegnet,

VIENNA, SEHERIN
 Kein Herz ist nah,
 das nicht sein Landsvater segnet.

(ZUSAMMEN)

 Und diesen Glanz,
 diesen Gloriebogen
 hat Gott in unsern Franz
 um eine ganze Welt gezogen.

Authorship

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6. Chor: Es treten hervor [sung text checked 1 time]

CHOR (FRAUEN)
 Es treten hervor
 die Scharen der Frauen,
 den glänzenden Chor
 der Fürsten zu schauen,
 auf alle die Kronen
 den heiligen Segen
 der Mütter zu legen.

CHOR (KINDER)
 Die Unschuld als Chor,
 sic wagt es zu kommen,
 es treten hervor
 die Kinder, die frommen,
 Herz, Himmel und Zepter
 mit Blumengewinden
 zusammen zu binden.

CHOR (MÄNNER)
 Auch wir treten vor,
 die Männer der Heere,
 ein krieg'rischer Chor
 mit Fahnen und Wehre,
 und fühlen die höchste
 der Vaterlandswonnen
 sich also zu sonnen.

CHOR (ALLE)
 Vindobona, Heil und Glück!
 Welt, dein grosser Augenblick!

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