by Adolf Katsch (1813 - 1906)

Hundert Semester
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Als ich schlummerte heut' Nacht, 
Lockten süße Träume, 
Schimmernd in der Jugend Pracht, 
Mich in ferne Räume. 
Krasses Füchslein, sah ich schlank 
In der Kneipe wieder, 
Und in vollem Chore klang 
Laut das Lied der Lieder: 

Gaudeamus igitur, 
Juvenes dum sumus! 
Post jucundam juventutem, 
Post molestam senectutem 
Nos habebit humus. 

Tabakswolkenduft umkreist, 
Bläulich, Rheinweinbecher: 
Desto heller flammt der Geist 
In dem Haupt der Zecher. 
Füchslein fühlt im Weltenrund 
Sich der Schöpfung Krone;
Und er singt mit keckem Mund, 
Und mit keckem Tone: 

Ubi sunt, qui ante nos 
In mundo fuere? 
Abeas ad superos, 
Transeas ad inferos, 
Ubi?  --  jam fuere.

Jäh erwacht' ich.  --  Glockenklar 
Tönt mir's in den Ohren; 
Heut sind's runde siebzig Jahr, 
Seit du wardst geboren. 
Heut schon liegen hinter dir 
Der Semester hundert!  --  
Hell rieb ich die Augen mir, 
Summte still verwundert: 

Vita nostra brevis ist, 
Brevi finietur. 
Venit mors velociter, 
Rapit nos atrociter 
Nemini parcetur.  

Schnell vom Lager sprang ich auf, 
Rief:  Mir hat das Leben 
Viel in seinem kurzen Lauf, 
Leid und Lust, gegeben. 
Sei vergessen, was gedrückt 
Mich mit Sorg' und Plage, 
Heut ein Hoch!  dem, was beglükct 
Meine jungen Tage: 

Vivat academia, 
Vivant professores! 
Vivat membrum quodlibet, 
Vivant membra quælibet, 
Semper sint in flore!  

Goldne Burschenzeit entflog 
Schnell  --  daß Gott erbarme!  --  
Ledern Philisterium zog  
Mich in dürre Arme. 
Doch philistern lernt' ich nicht, 
Hoch, auf goldnen Schwingen, 
Trug' mich Lieb' zum Himmelslicht, 
Jubelnd durft' ich singen: 

Vivant omnes virgines, 
Graciles, formosæ! 
Vivant et mulieres, 
Tenerae, amabiles, 
Bonæ, laboriosæ!  

Weib und Kinder an der Hand, 
Freut' ich mich des Lebens; 
Nützlich sein dem Vaterland, 
Ward das Ziel des Strebens. 
Konnte sich's zum Paradies 
Auch nicht ganz gestalten, 
Treue, die ich ihm erwies, 
Hat's mir doch gehalten.  

Vivat et respublica 
Et qui illam regit! 
Vivat nostra civitas, 
Mæcenatum caritas 
Vivat, quæ nos tegit! 

Im latein'schen Liede sang 
Heut ich alter Knabe 
Meines Lebens ganzen Gang 
Von der Wieg' zum Grabe. 
Komme, wann du willst, Freund Hain, 
Mich zur Ruh' zu bringen; 
Doch wie einst als Füchselein, 
Will der Greis noch singen: 

Pereat tristitia, 
Pereant osores, 
Pereat diabolus, 
Quivis antiburschius
Atque irrisores! 

Confirmed with Almania Oideion: dreisprachiges Studentenliederbuch, erstes Heft, ed. by Franz Weinkauff, Heilbronn: Gebrüder Henninger, 1885, song no. 68, pages 182 - 183.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Adolf Schlieben (1828 - 1896), "Hundert Semester", published 1885 [ voice, unaccompanied ], confirmed with Schauenburgs allgemeines deutsches Kommersbuch, einunddreißigste Auflage, ed. by Fr. Silcher und Fr. Erk, Lahr: Moritz Schauenburg, 1888, song no. 704, pages 697 - 698 [sung text checked 1 time]

Researcher for this text: Melanie Trumbull

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