Der Lauscher
Language: German (Deutsch) 
Ihr Büsche, die ihr mich versteckt, 
Wo sie mein Blick erreichet, 
Rauscht nicht, damit sie nicht entdeckt, 
Daß Liebe sie beschleichet. 
Und du, steh' meinem Vorwiz bei, 
Du Gott der Liebesgötter: 
Daß ich durchs Laub ganz Auge sey, 
Verkläre Zweig' und Blätter.  

Gewährt sich mir mein Wunsch so schnell? 
Ist's Traumbild?  Ist's Entzücken? 
Welch Schauspiel, so ganz wahr, so hell, 
Enthüllt sich meinen Blicken? 
Ich sehe Götterchen der Lust, 
Gleich kleinen Schmetterlingen, 
An ihrem Hals, um ihre Brust, 
Im Busenschleier ringen. 

Sie schaukeln und verwickeln sich 
In des Gewandes Falten, 
Und flattern drinn, als ob, für mich 
Die Durchsicht aufzuhalten. 
Kaum lächelt sie dem Scherz, alsbald 
Hüpft er in beide Grübchen; 
Und wo nur eine Locke wallt, 
Schwebt gleich ein Liebesbübchen. 

Drei Götter glitschen an dem Kinn, 
Fünf kollern um die Wette 
Vom glatten Hals noch tiefer hin 
Entlang des Busens Glätte.  
O kleiner Schwarm, wie wohl ist dir 
Bei dieserlei Gefährden! 
O gönnte mein Verhängnis mir, 
Wie du mich zu gebährden!

Confirmed with Gerstenbergs vermischte Schriften, zweiter Band, ed. by the Author, Altona: J. F. Hammerich, 1815. Appears in Poetisches Wäldchen. Note: modern spelling would change "Vorwiz" to "Vorwitz" and "sey" to "sei", etc.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2020-08-09
Line count: 32
Word count: 162