by Wilhelm Genth (1803 - 1844)

Hafenruhe
Language: German (Deutsch) 
Ich stand auf hohem Schiffe;
an lachenden Ufern frei,
am schroffen Felsenriffe
flog es wie Sturm vorbei.

An grünenden Inselauen
selbst hatt' es nicht Rast und Ruh';
es eilte den fernen, blauen,
den heimischen Bergen zu.

Nun sitz' ich daheim im Hafen
und darf, wenn die Woge lind
das Ufer umplätschert, darf schlafen, 
wie einst ich schlief als Kind.

Doch wo sind die Kinderträume,
die Zauberbilder der Brust,
der Kindheit Feenbäume
mit ihrer Blütenlust?

Sie müssen, vom Sturme zersplittert,
zerstreut in die Lüfte sein;
dort, weit in der Ferne, zittert
nur schwach noch ein Widerschein.

D'rum fort aus dem nüchternen Hafen!
Willkomm' mir, Wogen und Wind!
Ich kann ja nicht mehr schlafen,
wie einst ich schlief als Kind.

Mich hat das Leben ergriffen;
mit Sturm und Woge vertraut
will ich es mutig durchschiffen,
bis meine Scheitel ergraut.

Bis spät versenkt im Hafen
die letzten Anker sind;
dann werd' ich auch wieder schlafen
und träumen wie einst als Kind.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Johann Winkler

This text was added to the website: 2020-11-15
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Word count: 158