Romanze
Language: German (Deutsch) 
Euch, jungen Weiberchen, will jetzt  
Ein Mädchen Lehre geben. 
Ob sie im Lesen euch ergötzt, 
Ihr sie befolgenswürdig schätzt: 
Zeig' euer künftges Leben. 

In einem Städchen waren euch 
Der Weiberchen die Fülle: 
Doch eine nur war Männern gleich, 
An Tugend und Verstande reich: 
Die kluge Marcipille.  

Bedurft' ein Weibchen guten Rath  --  
Gleich gings zu Marcipillen. 
Sie war bereit, früh oder spath, 
Den Kommenden durch Rath und That 
Die Bitten zu erfüllen.  

Zu jenen bösen Zeiten sprach 
Man gleich von Hexereien. 
Der eine sprach's dem andern nach; 
Da jedes in dem Irrthum lag: 
Wer konnte ihn zerstreuen?  

So ging's auch dieser:  Man verband 
Sie mit dem bösen Geiste.
Ja mancher Nachbar selbst gestand, 
Daß Satan  --  durch Gestank erkannt  --  
Oft durch den Schornstein reiste.  

Doch weil sie unentbehrlich war, 
So wollte niemand klagen. 
Es war kein Spaß, man konnte gar, 
Durch abergläub'ger Richter Schaar, 
Ihr Holz zusammen tragen.  

Einst lief ein Weib in ihre Thür 
Mit ausgestreuten Locken. 
"Mein Kind, was wollt ihr den von mir?" 
Sprach Marcipille gleich zu ihr; 
Vom Anblick halb erschrocken.  

Ach, hub jetzt Kunigunde an, 
Mein Mann hat mich geschlagen! 
Mir wackelt wahrlich jeder Zahn  --  
Bei meiner armen Seel'!  Ich kann 
Das Leiden nicht mehr tragen?  

Schlägt er euch oft?  --  O wöchentlich!
--  Hier flossen ihre Thränen  --  
Vor allen Menschen schäm' ich mich! 
Es kann sich niemand mehr, als ich, 
Nach Fried' und Ruhe sehnen!  

Jetzt dachte Marcipille nach  --  
Sollt' ich den Mann nicht kennen?  --  
Mein Mann?  --  der heißt Robertus Brach.  --  
Der ists?  --  Ei, ei!  --  Ein jeder sprach: 
Der Mann sei gut zu nennen.  --  

Mit scharfem Blick durchsah sie bald, 
Was dieser Ehe fehlte. 
Die Frau war schön;  der Mann nicht alt, 
Nicht arm, und artig von Gestalt, 
Von dem sie dieß erzählte.  

Geduld!  Gleich bin ich wieder hier. 
Der Gang soll euch nicht reuen! 
Jetzt holt sie eine Fläsche für  --  
Nur Wasser ist's, das sehet ihr; 
Dürft euch dafür nicht scheuen.  

Nun setzt sie auf den Tisch sie hin  --  
Geht rund um ihn drei Kreise. 
Brumt Worte von verstecktem Sinn; 
Schiebt dann der Frau die Flasche hin, 
Und spricht auf diese Weise:  

Seht ihr auf eures Manns Gesicht 
Nur eine finstre Miene: 
Nehmts in den Mund  --  es schadet nicht. 
Auf allen Witz thu' ich Verzicht; 
Wenn ich nicht Dank verdiene!  --  

Mit stummer Ehrfurcht nimmt sie's an, 
Die gute Kunigunde, 
Dankt ihr, so sehr sie danken kann; 
Und was die weise Frau gethan, 
Kömmt nicht aus ihrem Munde.  

Vier Wochen waren schon vorbei, 
Da kam mit frohen Blicken 
Das Weibchen:  O nun bin ich frei!  
Bei uns ist Freud' und kein Geschrei; 
Wie dankt euch mein Entzücken!  

Jetzt ist die Flasche wieder leer; 
O füllt sie mir von neuen! 
Denn wahrlich, nicht von Ungefähr 
Kömmt dieser süsse Friede her  --  
Ach thut's, mich zu erfreuen.  

Mit einem Lächeln voller Huld 
Sprach jetzo Marcipille: 
Das Wasser ganz ohne Schuld, 
Nur lerntet ihr dadurch Geduld; 
Und schwieget weißlich stille.  

Wenn euer Robert mürrisch war, 
So konntet ihr nichts sagen  --  
Sonst war das Wasser rein und klar  --  
Die Männer kenn' ich auf ein Haar; 
Dieß können sie nicht tragen. 

Drum, kömmt der Fall euch wieder vor, 
So denkt an dieses Wasser. 
Liegt nicht mit Worten ihm im Ohr; 
So gibt er sich:  Er ist kein Thor, 
Und auch kein Freuden-Hasser.  --  

Für euch, Ihr Weiberchen, hab' ich 
Dieß Liedchen abgesungen. 
Und wenn ein guter Vorsatz sich 
Dadurch in eure Seele schlich:  
So ist mein Wunsch gelungen! 

Confirmed with Magdelena Philippine Engelhard, Gedichte, Göttingen: Johann Christian Dieterich, 1778, pages 136 - 141.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2021-06-26
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