by Theodor von Thrämer (1809 - 1859)

Die Burg Fellin
Language: German (Deutsch) 
"Mutter, siehst du grau es scheinen
Dort herüber von dem See?
Bergesspitzen, sollt' ich meinen,
Starren seltsam in die Höh'." 

"Kind, das ist das Winterlager,
Drin der Wolf, der Sachse liegt;
Kind, das ist sein Sommerlager,
Draus in unsre Hütt' er bricht." 

"Mutter, was dort hör' ich klingen,
Wie ich's fast nicht sagen mag? 
Geister in den Wolken singen, 
Ferne donnert's Schlag auf Schlag."  

"Kind, so singet seine Brüder 
Dort der Sachse in das Grab  --  
Unsrem Volke Todtenlieder, 
Wiegenlied dir, armer Knab'!" 

Kindes Hände bang sich schmiegen 
In der Mutter treue Hand,  
Und so beide still sie stiegen, 
Feindes Feste zugewandt. 

Stolz stehn auf die Thoresflügel, 
Einlass fand das arme Weib, 
Schleppt' hinan am steilen Hügel 
Ihren todesmüden Leib. 

Barfuß über rauhem Eise 
Schleppt' sie sich zum finstern Thurm, 
Und begann die Klageweise, 
Grollend heult dazu der Sturm.  

"Du da, in dem tiefen Grabe, 
Noch lebendig, eingesenkt, 
Bring' dir meine letzte Habe, 
Brot, in Thränensalz getränkt! 

"Lebst du noch im tiefen Grabe, 
Lebst du noch, du Sohn der Nacht, 
Habe deine letzte Habe, 
Deinen Knaben dir gebracht!"  

Bange Kind und Mutter riefen, 
Grollend heult' dazu der Sturm,  
Aber stumm blieb's in der Tiefen, 
Stumm blieb's in dem finstern Thurm. 

Confirmed with Das Inland: eine Wochenschrift für die Tagesgeschichte Liv-, Esth- und Curlands, eilfter Jahrgang, ed. by Dr. Carl von Rummel, Dorpat: Heinrich Laakmann, 1846. Appears in issue no. 9 dated Dienstag, den 26. Februar 1846; in Vierte Beilage für Original-Beiträge zur Literatur der Ostseeprovinzen, page 213.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

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