by Joseph Viktor von Scheffel (1826 - 1886)
Der Gräfin Fluch
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Language: German (Deutsch)
„Herr Kuno, nun, das merkt Euch fein: ich will nicht mehr die Eure sein. Schleicht Ihr nochmals zum Hof hinaus, verlass ich Euer Bett und Haus.“ Die Gräfin spricht und droht dem Herrn; ihn zieht jedoch ein andrer Stern. Ihn lockt ein andres Morgenrot. Das Schloss däucht ihm so öd und tot. Die Sonne sinkt, es steigt die Nacht; da zieht ihn fort der Liebe Macht. Sie trägt ihn fort ins Feld hinaus, ins stille, traute Bauernhaus. Es ist schon spät, er träumt in Lust an marmorblanker weisser Brust, und spielt und kost in süsser Stund, und küsst und küsst den roten Mund. „Herr Graf, was macht die Gräfin heut'?“ „Du bist das Weib, das macht erfreut!“ „Herr Graf, was sagt die Gräfin nun?“ „Du bist mir mehr; o, lass sie ruhn.“ Es schäumt die Lust, es blüht das Glück. Er hängt an ihrem Zauberblick. Er drückt sie heiss ans heisse Herz. Sie möchte schrei'n vor Liebesschmerz. So wird gescherzt, so wird gekost, wie auch der Sturm im Walde tost. Es glüht der Blick, es küsst der Mund, stürzt mancher Baum auch in den Grund. Doch dunkler wird's die Winde zieh'n, der Regen rauscht, die Blitze glüh'n. Vom Berge dröhnt's und schallt's und kracht's, dass selbst erbleichen möcht' die Nacht. Die Lähne kommt, ein schriller Schrei; sie deckt den Hof und rollt vorbei. Und stille ist es nah und fern. Vom Himmel blickt kein milder Stern. Der Morgen schaut nur Schutt und Graus. Versunken war das Bauernhaus. Die Buhlen deckt ein Leichentuch. Das wob der Gräfin wilder Fluch.
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Researcher for this page: Johann Winkler
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- by Joseph Viktor von Scheffel (1826 - 1886) [author's text checked 1 time against a primary source]
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