by Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten...
Language: German (Deutsch)
Ha! Feierlich! ein würdiger Anfang! afrikanisch feierlich! eines Löwen würdig oder eines moralischen Brüllaffen... – aber nichts für euch, ihr allerliebsten Freundinnen, zu deren Füßen mir, einem Europäer unter Palmen, zu sitzen vergönnt ist. Sela. Wunderbar wahrlich! Da sitze ich nun, der Wüste nahe und bereits so ferne wieder der Wüste, auch in nichts noch verwüstet: nämlich hinabgeschluckt von dieser kleinen Oasis – sie sperrte gerade gähnend ihr liebliches Maul auf, das wohlriechendste aller Mäulchen: da fiel ich hinein, hinab, hindurch – unter euch, ihr allerliebsten Freundinnen! Sela. Heil, Heil jenem Walfische, wenn er also es seinem Gaste wohlsein ließ! – ihr versteht meine gelehrte Anspielung?... Heil seinem Bauche, wenn es also ein so lieblicher Oasis-Bauch war, gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe. Dafür komme ich aus Europa, das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen. Möge Gott es bessern! Amen. Da sitze ich nun, in dieser kleinsten Oasis, einer Dattel gleich, braun, durchsüßt, goldschwürig, lüstern nach einem runden Mädchen-Maule, mehr aber noch nach mädchenhaften eiskalten schneeweißen schneidigen Beißzähnen: nach denen nämlich lechzt das Herz allen heißen Datteln. Sela. Den genannten Südfrüchten ähnlich, allzuähnlich liege ich hier, von kleinen Flügelkäfern umtänzelt und umspielt, insgleichen von noch kleineren törichteren boshafteren Wünschen und Einfällen, – umlagert von euch, ihr stummen, ihr ahnungsvollen Mädchen-Katzen Dudu und Suleika – umsphinxt, daß ich in ein Wort viel Gefühle stopfe (– vergebe mir Gott diese Sprachsünde!...) – sitze hier, die beste Luft schnüffelnd, Paradieses-Luft wahrlich, lichte leichte Luft, goldgestreifte, so gute Luft nur je vom Monde herabfiel, sei es aus Zufall oder geschah es aus Übermute? wie die alten Dichter erzählen. Ich Zweifler aber ziehe es in Zweifel, dafür komme ich aus Europa, das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen. Möge Gott es bessern! Amen. Diese schönste Luft atmend, mit Nüstern geschwellt gleich Bechern, ohne Zukunft, ohne Erinnerungen, so sitze ich hier, ihr allerliebsten Freundinnen, und sehe der Palme zu, wie sie, einer Tänzerin gleich, sich biegt, und schmiegt und in der Hüfte wiegt – man tut es mit, sieht man lange zu... einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will, zu lange schon, gefährlich lange immer, immer nur auf einem Beinchen stand? – da vergaß sie darob, wie mir scheinen will, das andre Beinchen? Vergebens wenigstens suchte ich das vermißte Zwillings-Kleinod – nämlich das andre Beinchen – in der heiligen Nähe ihres allerliebsten, allerzierlichsten Fächer- und Flatter- und Flitter-Röckchens. Ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen, ganz glauben wollt: sie hat es verloren... Hu! Hu! Hu! Hu! Huh!... Es ist dahin, auf ewig dahin, das andre Beinchen! O schade um dies liebliche andre Beinchen! Wo – mag es wohl weilen und verlassen trauern, dieses einsame Beinchen? In Furcht vielleicht vor einem grimmen gelben blondgelockten Löwen-Untiere? oder gar schon abgenagt, abgeknappert – erbärmlich! wehe! wehe! abgeknabbert! Sela. O weint mir nicht, weiche Herzen! Weint mir nicht, ihr Dattel-Herzen! Milch-Busen! Ihr Süßholz-Herz- Beutelchen! Sei ein Mann, Suleika! Mut! Mut! Weine nicht mehr, bleiche Dudu! – Oder sollte vielleicht etwas Stärkeres, Herz-Stärkendes hier am Platze sein? ein gesalbter Spruch? ein feierlicher Zuspruch?... Ha! Herauf, Würde! Blase, blase wieder, Blasebalg der Tugend! Ha! Noch einmal brüllen, moralisch brüllen, als moralischer Löwe vor den Töchtern der Wüste brüllen! – Denn Tugend-Geheul, ihr allerliebsten Mädchen, ist mehr als alles Europäer-Inbrunst, Europäer-Heißhunger! Und da stehe ich schon, als Europäer, ich kann nicht anders, Gott helfe mir! Amen! Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt! Stein knirscht an Stein, die Wüste schlingt und würgt. Der ungeheure Tod blickt glühend braun und kaut –, sein Leben ist sein Kaun... Vergiß nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht: du – bist der Stein, die Wüste, bist der Tod...
Text Authorship:
- by Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900), "Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt...", appears in Dionysos-Dithyramben, in Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt... [author's text not yet checked against a primary source]
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