Zwei Balladen von J. Mosen

by Rudolf Hirsch (1816 - 1872), as Soliny

Word count: 312

1. Der Witwe Töchterlein [sung text not yet checked]

Die Witwe weint die lange Nacht 
In ihres Herzens Pein; 
Denn, ach! zu Grabe ward gebracht 
Ihr einzig Töchterlein.

Sie jammert laut in ihrem Schmerz:
Du kennst nicht Menschennoth, 
Du kennest nicht ein Mutterherz,
Erbarmungsloser Gott! 

Wie sie so ruft in bitterm Leid, 
Sitzt vor ihr bleich und hold 
Das Kind in seinem Todtenkleid, 
Im Kranz von Flittergold.

Es schaut sie traurig an und spricht:
Ach, weine nicht so sehr! 
Sonst kann ich zu des Himmels Licht 
Aufsteigen nimmermehr. 

Mein Kleid ist schwer, mein Kleid ist naß
Von Thränen ohne Zahl, 
Und zieht mich ohne Unterlaß 
Zu dir und deiner Qual.

Da kämpfte sie mit aller Macht,
Bis sie den Schmerz verwand, 
Und wieder in der dritten Nacht
Bei ihr das Kindlein stand.

Sein Antlitz war so sonnenklar 
Und leuchtend sein Gewand; 
Ein Licht erglänzte wunderbar
In seiner weißen Hand.

Es lächelt ihr so selig zu
Und spricht sie freundlich an:
Süß, Mutter, ist die Grabesruh,
Und Gott hat wohlgethan! 

Wie nun es endlich ihr entwich,
Da betete sie viel, 
Sie lobte Gott inbrünstiglich 
Und ohne End' und Ziel. 

Authorship

Confirmed with Gedichte von Julius Mosen, zweite vermehrte Auflage, Leipzig: F. A. Brockhaus, 1843, pages 251-253.


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

2. Die junge Nonne [sung text not yet checked]

[War noch nicht fünfzehn Jahre alt]1,
Als ich schon Nönnlein war,
Die Mutter wollt' es mit Gewalt,
Muß weinen immerdar,
Und bin so jung, muß ganz allein
Hier stehn im finstern Kämmerlein.

Voll Blüten stehn die Bäume all,
Die Vögel singen sehr.
Es treibt ein frischer Wind manchmal
Ein Blütchen zu mir her.
Ich leg' es in's Gebetbuch mir,
Und steh' nun doppelt traurig hier.

Ach! und das Christusbild, das theilt,
Das kennt nicht meinen Schmerz.
Ach! und kein Gnadenmittel heilt
Ein still gebrochnes Herz.
Man nennet mich des Himmels Braut,
Der hört und gibt nicht einen Laut.

Steigt dann der Mond um Mitternacht,
Da flüstert's vor dem Haus
Am Gitter, ach! so bang und sacht:
"Lieb Kindlein, komm' heraus!"
Im Schleier hüll' ich tief mich ein
Und schluchze laut in meiner Pein.

Authorship

See other settings of this text.

View original text (without footnotes)
1 Otto: "War wenig Jahre nur erst alt"; further changes may exist not noted.

Researcher for this text: Sharon Krebs [Guest Editor]