by Gottfried Keller (1819 - 1890)
Jüngst stand ich mit dem ersten...
Language: German (Deutsch)
Our translations: FRE
[Jüngst stand ich mit dem ersten]1 Frühlicht auf Und nahm hinaus in's Freie meinen Lauf, Wo [silbergrau]2 die Morgendämmrung lag, Umflorend noch den rosenrothen Tag; Mich einmal satt zu gehn in Busch und Feldern Vom Morgen früh bis in die späte Nacht, [Ein bleibend Lied]3 zu holen in den Wäldern, Hatt' ich zum festen Vorsatz mir gemacht. Rein war der [Morgen]4, bald zum Tag erhellt, Der volle Liebespuls schlug durch die Welt; Die Lüfte wehten und der Vogel sang, Die Eichen wuchsen und die Quelle sprang; Die Blumen blühten und die Früchte reiften, Ein jeglich Gras that seinen [Odemzug]5, Die Berge standen und die Wolken [schweiften, Und fächelnd mich des Lebens Schwinge]6 trug. Ich schlenderte den lieben Tag entlang, Im Herzen regte sich der Hochgesang; Es brach sich Bahn der Wachtel [leichter]7 Schlag, Jedoch mein Lied, — es rang [umsonst]8 zu Tag. [Es ward Mittag;]9 ich lag an Silberflüssen, Die Sonne sucht' ich in der klaren [Fluth: Ich durfte]10 nicht von Angesicht sie grüßen, Der ich allein, in all dem Drang, geruht. Die Sonne sank und ließ die Welt der Ruh, Die Abendnebel gingen ab und zu; Ich lag auf Bergeshöhen matt und müd, Tief in der Brust das ungesungne Lied. Da nickten, spottend mein, die schlanken Tannen, Und höhnisch sah der Erde Moos empor Mit seinen Würmern, die geschäftig spannen, Und lachend brach das Firmament hervor. Von Osten wehte rein und scharf der Wind: «Was suchst du hier, du müßig Menschenkind, Du stumme Pfeife in dem Orgelchor, Schlemihl, der träumend Raum und Zeit verlor? Dir ward das Leichteste, das Lied, gegeben, Das, selbst sich bauend, aus der Kehle bricht: Du aber legst dein unbeholfen Leben, Wie einen Stein, ihm auf den Weg zum Licht!» So sprach der Wind? O nein, so sprach der Schmerz, Der mir wie Ketten hing um's dunkle Herz! Ein fremder Körper, ohne Form und Schall, So, däuchte mir, lag ich im regen All. Und Wind und Tannen, Gletscher, Moos und Sterne, Sie schlangen lachend ihren weiten Kranz; Wie an der Insel sich das Meer, das ferne, Brach sich an mir ihr friedlich milder Glanz.
O. Schoeck sets stanzas 1-3, 4 (lines 1-4)
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View text without footnotes1 Schoeck: "Vom Lager stand ich mit dem Frühlicht"
2 Schoeck: "duftiggrau"
3 Schoeck: "Und auch ein Lied"
4 Schoeck: "Himmel"
5 Schoeck: "Atemzug"
6 Schoeck: "schweiften/ In gleicher Luft, die meinen Odem"
7 Schoeck: "heller"
8 Schoeck: "sich nicht"
9 Schoeck: "Der Mittag kam,"
10 Schoeck: "Flut/ Und durfte"
Text Authorship:
- by Gottfried Keller (1819 - 1890), no title, appears in Neuere Gedichte, in Vermischte Gedichte, in Ein Tagewerk, no. 1 [author's text checked 1 time against a primary source]
Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):
- by Othmar Schoeck (1886 - 1957), "Ein Tagewerk I", op. 55 no. 24 (1941-3), stanzas 1-3, 4 (lines 1-4) [ mezzo-soprano or baritone and piano ], from Unter Sternen: Lieder und Gesänge nach Gedichten von Gottfried Keller, no. 24, Wien: Universal Edition [sung text checked 1 time]
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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]
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