by Ludwig Jacobowski (1868 - 1900)

Melodie
Language: German (Deutsch) 
Es kam ein Ton, der fern herüberschrie,
So voll, als wär' er selbst schon Melodie.
Zur Dämmerstunde schwang er sich herein,
Da ward er mein, da ward ich völlig sein. -

Nun schwebt er um mein Leben aufgestört,
Niemals begriffen und doch stets gehört;
Wenn ich ihn rufe, ist er jäh entfloh'n,
Und flieh' ich ihn, trägt alle Luft den Ton,
Und wächst zum Klang und schreit nach neuem Klang
Und schwillt sich aus vor Sehnsucht nach Gesang.

Wenn einst mein Herz in letztem Licht genest,
Von seinem Leid und seiner Lust sich löst,
Hör' ich den zweiten fremden Wunderton,
Erhofft, erbettelt lange Jahre schon.
Der fügt mit überwältigendem Drang
Sich dem lebendigen, dem ersten Klang,
Und beide kreisen ruhlos durch die Luft,
Ob nicht ein dritter die Gefährten ruft.

O Gott, durch tausend Tode schritt ich schon,
Und jedes Leben schenkte neuen Ton;
Wann kommst du, Licht? Wann hör' ich sie,
Die volle, ungeteilte Melodie?

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Bertram Kottmann

Text added to the website: 2014-01-30 00:00:00
Last modified: 2014-06-16 10:02:24
Line count: 22
Word count: 156