by Walt Whitman (1819 - 1892)
Translation by Hans Reisiger (1884 - 1968)

Das Gras
Language: German (Deutsch)  after the English 
Ein Kind sagte: Was ist das Gras?
Und pflückte es mir
Mit vollen Händen.
Wie konnt ich dem Kinde antworten?
Ich weiß nicht besser,
als das Kind, was es ist.
 
Ich glaube, es muß die Flagge meines Wesens sein,
gewoben aus hoffnungsgrünem Stoff.
Oder ich glaube, es ist das Taschentuch Gottes,
Eine duftende Gabe und Andenken,
mit Absicht fallen gelassen,
Mit dem Namen des Eigentümers in einer der Ecken,
so daß wir schauen und fragen mögen: Wem gehörts?

Und nun scheinet mir das schöne, unverschnittene Haar von Gräbern.
Zart will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras,
Vielleicht sprießest du aus den Brüsten junger Männer,
Vielleicht hätte ich sie geliebt, wenn ich sie gekannt hätte,
Vielleicht kommst du von alten Leuten, oder von der Frucht, die zu früh
aus dem Schoße der Mutter genommen,
Und nun bist du der Mutterschoß.

Dieses Gras ist sehr dunkel dafür, daß es aus den weißen Häuptern alter
Mütter kommt,
Dunkler als die farblosen Bärte alter Männer,
Dunkel dafür, daß es unter dem blaßroten Gewölbe von Mündern hervorkommt.
Oh, ich vernehme je mehr und mehr so viele redende Zungen,
Und ich vernehme, daß sie nicht umsonst aus der Wölbung von Mündern
sprießen.

Ich wünschte, ich könnte übersetzen, was sie mir flüstern von den jungen
Männern und Weibern,
Und was sie flüstern von Greisen und Müttern und der Frucht, die zu früh
aus ihrem Schoße genommen.

Was glaubst du, ist aus den alten und jungen Männern geworden?
Und was glaubst du, ist aus den Weibern und Kindern geworden?
Sie sind am Leben, irgendwo und wohlbehalten,
Der kleinste Sproß beweist, daß es in Wahrheit keinen Tod gibt,
Und wenn es ihn je gab, so war er der Vorläufer des Lebens,
und wartet nicht am Ziel, um es aufzuhalten,
Und verging in dem Augenblick, wo das Leben erschien.

Ins Weite, ins Breite drängt alles; nichts zerfällt,
Und Sterben ist anders, als je einer gedacht,
Und glücklicher.

Authorship

Based on

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Research team for this text: Ferdinando Albeggiani , Benno Schnatz

This text was added to the website: 2008-06-13
Line count: 41
Word count: 316