by Julius Karl Reinhold Sturm (1816 - 1896)

Der große Wind zu Weißenberg
Language: German (Deutsch) 
Zu Weißenberg, welch großer Wind!
"Ach, helft doch!", heulten Weib und Kind,
"bevor der jüngste Tag uns naht;
weiß denn vom Rat nicht einer Rat?"
"Den weiß ich!", sprach der Bürgermeister.

"Wir ziehn vors Tor mit Weib und Kind
und blasen dort mit Kraft den Wind
aus unsrer werten Stadt hinaus,
sonst bringt er uns um Hof und Haus."
"Das rat ich!", sprach der Bürgermeister.

Der Wind, der Wind, der weht so graus!
Sie laufen vor das Tor hinaus
und nur der Pfarrer zog nicht mit,
obschon er nicht am Husten litt.
"Den kenn ich!", sprach der Bürgermeister.

Sie schonten ihre Lungen nicht
und wurden braunrot im Gesicht;
sie bliesen hoch die Backen auf
und weithin tönte das Geschnauf.
"Nur kräftig!", sprach der Bürgermeister.

Sie bliesen wohl den halben Tag,
da ließ der Wind ein wenig nach;
dann gab's ein lindes Säuseln bloß
und brüllend brach der Jubel los.
"Das wusst ich!", sprach der Bürgermeister.

So blieb die Stadt von Schaden frei;
doch plötzlich, welch ein Hohngeschrei!
Stolz nach dem Pfarrhof wiesen sie
und ihre Weisheit priesen sie.
"Das freut mich!", sprach der Bürgermeister.

Den Pfarrer traf das Ungemach,
zwei Ziegel riss der Wind vom Dach.
So geht's, wenn man will klüger sein
als eine ganze Stadtgemein.
"Das merkt euch!", sprach der Bürgermeister.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Johann Winkler

Text added to the website: 2020-02-01 00:00:00
Last modified: 2020-02-01 19:35:52
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