by Hermann Conradi (1862 - 1890)

Erdeinsamkeit
Language: German (Deutsch) 
O, wir sind einsam,
grenzenlos einsam.
Brüder, meine Brüder,
habt ihr bedacht schon,
wie einsam wir sind, wie einsam wir sind?

Wir wollen da hin
in ew'gen Bezirken,
und ob wir auch tasten mit irdenen Geistesfingern,
tasten an die Pforten des Alls:
Unserer Weltennachbarn kein einziger hört uns . . .
Sie kreisen, sie kreisen.

Und ob wir auch träumen,
daß durch der Himmel ein einziges Ahnen
auf Strahlenbrücken beflügelt sich schwingt,
von Stern zu Stern Bewußtsein trägt und brünstig wirbt,
tiefer erwühlend, und der Botschaft Erhörung:
Brüder! O meine Brüder!
Es ist nur ein Traum,
und keine der Leuchten,
die unser Auge gebiert,
erhört unserer Träume rauschenden Flügelschlag . . .
 
Sie sind alle so blind,
sie sind alle so taub,
und der sie bewegt,
der ungebo'ne Geist,
gab ihnen das Leben.
Doch Leben heißt Grenze . . .
 
Aber der Tod ist der Meister,
der da säet Staub und erntet Staub,
und über uns alle,
die Menschen gezeugt,
hat sich der Cypresse Trauerlaub herabgebeugt.
Und wir trauern, wir trauern,
daß die Himmel sind taub,
ob sie auch leuchten . . .
 
Wir wollen uns lieben, 
meine Brüder,
denn wir sind einsam . . . 
Wohl leuchten die Himmel,
und ihr Leuchten berückt uns die Seele so ganz,
sie heben hinaus uns über irdische Kleinheit,
Den Engpaß des Lebens,
doch wir sind sterblich,
drum wollen wir heimkehren, 
meine Brüder,
und wollen uns lieben
mit geläuterten Sinnen . . .
Denn wir sind einsam . . .

Authorship:

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):


Researcher for this text: Malcolm Wren [Guest Editor]

This text was added to the website: 2020-03-28
Line count: 48
Word count: 247