by Carl Friedrich Cramer (1752 - 1807)

An Betty
Language: German (Deutsch) 
Sie ist, sie ist herab gesunken,
Die rothe Sonne sank ins Meer.
Schon blitzen tausend goldne Funken
Vom Glanzheer der Gestirne her.
Der Harmonie der Sphären klinget,
Orions Wagen rollt im Chor,
Und mit dem Ernst der Nächte schwinget
Sich meine ganze Seel' empor. 

Sieh' Freundin, durch die Epheulaube
Strahlt ungehindert Mondenlicht,
Noch girrt darauf die Turteltaube,
Noch singt darin die Amsel nicht. 
Nur Stachelbeerenreiser grünen,
Der gelbe Crocus keimt herauf;
Von dir ein Lächeln zu verdienen,
Sproßt hier und da ein Veilchen auf. 

Schön, reitzend, schön ist um dich alles! 
Des Morgens silberhelle Pracht,
Der Vögel Lied, des Wiederhalles
Geliebter Klang, und  --  diese Nacht! 
So sanft, so rein, wie deine Seele,
Umdämmert sie die stille Flur;
Ich seh's, es freut sich deine Seele
Und dankt dem Vater der Natur. 

Mitfreuen sollt ich mich!  doch öde
Staunt mein Gefühl, mein Sinn in mir! 
Auf meinen Lippen stockt die Rede;  
Viel, wenn ich könnte, sagt ich dir! 
Ich möchte deinen Garten grüßen! 
Der Segen Gottes schwängert ihn;
Bald werden Tulpen und Narcissen, 
Und dann die Rosen drinnen blühn! 

Doch keine Rosen soll ich pflücken,
Ach, mit dem Lenz entflieh ich schon;
Dann seid ihr Stunden voll Entzücken
Mit mir in Finsterniß entflohn!  
Mich schreckt der Sterne bleicher Schimmer,
Die Sonne sank!  --  Ich denk an mich! 
Wie wird mir?  Ach wer weis  --  auf immer
Vielleicht, du Edle, laß ich dich! 

"O Betty, Betty, dir zur Seite
Empfand ich doppelt jede Lust;
Da sich dein Blick mit meinem freute,
War groß mein Herz in dieser Brust!" 
So seufzt, in ferne Dämmerungen
Schon jetzt versenkt, mein trüber Geist;
Kein Lied, selbst keins von dir gesungen,
Besiegt den Schmerz, der mich zerreißt.  

Du beste von den Seelen allen,
Die je mein fühlend Herz gekannt,
Dein Name wird am ufer hallen,
Das mich empfängt von dir verbannt! 
Dann härm ich im Genuß des Glückes
Der besten Freunde dennoch mich,
Und denke deises Augenblickes,
Der eilend wie ein Blitz entwich. 

Noch glücklich!  wenn dein Angedenken
In der Entfenung mich besücht;  -- 
Du wirst mir einen Seufzer schenken,
Und eine Thräne meiner Flucht!  
Das weis ich:  Wenn von jenen Linden
Der Blüthenduft hernieder fließt,
Sehnst du dich, dort den Freund zu finden,
Der ewig deiner nicht vergißt. 

Oft wird mein Aug' am Monde weilen,
Vielleicht weilt auch dein Auge dran;
Dieß soll der Trennung Wunde heilen,
Wenn irgend was sie heilen kann! 
Mit Herzensinnigkeit durchdrungen,
Wahl ich zum Freundschaftszeugen ihn;
Sein Glanz sei voll Erinnerungen
Der Zeit, wo ich einst bei dir bin! 

Sie kommt!  ich werde dich einst finden,
Dich wiederfinden, Denkerin!
Des Lebens krumme Pfade winden
Sich bald zum ofnen Grabe hin!
In tausend himmlischen Gestalten
Werd ich  --  Ich werde dich einst sehn! 
Und wenn, wie Alles, wir veralten,
Mit dir in beß're Welten gehn!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2019-01-11
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