by Anonymous / Unidentified Author

Aufforderung an Amorn
Language: German (Deutsch) 
Wie lange wirst du müßig schlafen,
Unthät'ger Liebesgott! 
Wie lange noch sind deine Waffen
Der spröden Schönen Spott? 

Soll ungestraft ein Kind dich schmähen,
Daß sechzehn Sommer zählt?
Soll Phillis ungerührt mich sehen,
Mich, den die Liebe quält?

Schon fliehen Chloris und Dorine
Der Mutter sanftes Joch.
Dich flieht die lose Wilhelmine,
Und Amor  --  schläfst du noch? 

Gib' mir ihn her, den müß'gen Köcher,
Dann schlaf mit deiner Schaar!
Ich sei verschmähter Liebe Rächer,
Ich sei, was Amor war! 

Bewundre Nachwelt meine Siege:
Denn mächtig siege ich.
Die Elbe höre meine Kriege,
Die Mulde fürchte mich. 

Voll Muth, mit unerschrocknen Blicke,
Will ich ein Mädchen sehn,
Den scharfen Pfeil ins Herz ihr drücken,
Und stolz vorüber gehn. 

Nichts soll mir Tapfern widerstehen,
Nichts höhne meine Macht.
Hier seh' ich sich're Mädchen gehen  -- 
Hier sei die erste Schlacht. 

Doch wie?  von falschem Stolz betrogen,
Seht ihr mich schalkhafft an? 
Ihr lacht?  O fürchtet meinen Bogen,
Der schnell euch tödten kann. 

Und Phillis, wie?  in deinem Blicke
Seh' ich noch leichten Scherz? 
Halt  --  dieser Pfeil  --  er stör dein Glücke,
Er treffe schnell dein Herz. 

Noch fürchtest du nicht Pfeil und Wunden?
Du lachst?  dein Auge kriegt.
Dein Auge  --  ich bin überwunden: 
Dein schönes Auge siegt.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Christian Gottlob Neefe (1748 - 1798), "Aufforderung an Amorn", confirmed with Musikalische Nachtrichten und Anmerkungen, dritter Theil, Leipzig: im Verlag der Zeitungs-Expedition, in vier-und-dreißigstes Stück, den 20ten August 1770, pages 266 -267 [ sung text checked 1 time]

Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2018-07-01
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Word count: 203