by Christian Schreiber (1781 - 1857)

Die Sprache der Blumen
Language: German (Deutsch) 
Liebliche Blumen, ihr Töchter der Flur, 
Freundliche Gaben der schönen Natur; 
Bilder zu werden dem regen Gefühl 
Weiht' euch der sanften Empfindungen Spiel; 
Laßt mich zum farbigen Kranz' euch winden, 
Eure bedeutende Sprache ergründen!   

Hell ist die Farbe der Unschuld, und licht; 
Trügende Schimmer erheben sie nicht; 
Drum auf der Lilie zartes Gewand 
Goß sie die Charis mit himmlischer Hand, 
Schuf sie zum Sinnbild erhabener Milde, 
Schuf sie zum köstlichen Schmuck der Gefilde!  

Schön in des Mädchens gewundenem Haar 
Stellt sich die grünende Myrthe dar; 
Wisse, die Sanftmuth, dem Himmel entschwebt, 
Ward in die grünende Myrthe gewebt; 
Sittsam den lockigen Scheitel zu kränzen, 
Und um die Wangen der Unschuld zu glänzen. 

Schimmernder Lorbeer, dich weihte der Ruhm 
Blutigen Helden zum Eigenthum, 
Doch der Begeisterung hohes Gefühl 
Wand dich auch hold um das Saitenspiel, 
Schmuck den geheiligten Sänger zu leihen, 
Und ihn zum Liebling der Götter zu weihen!  

Kennst du das Veilchen, die Blüthe des Mais? 
Demuth, sie gab ihm den köstlichen Preis!  
Nur von dem suchenden Auge gesehn  
Blüht es verborgen, doch duftet es schön; 
Weiß nur im stillen das Herz zu beglücken, 
Und der Bescheidenheit Busen zu schmücken. 

Kennst du die Blume, die schönste der Flur? 
Wenige Monden, ach!  glühet sie nur! 
Haucht in das schmeichelnde Kosen der Luft, 
Magischen, süßen, ambrosischen Duft; 
Doch wer hat die Liebe je schmerzlos erfunden?  
Auch ist die Rose mit Dornen umwunden! 

Flüstert die schmerzende Sehnsucht dich wach, 
Nennst du das Blümchen am murmelnden Bach; 
Blau ist sein Schimmer, so lieblich und licht, 
Liebe, sie nannt' es:  Vergißmeinnicht! 
Willst du nicht reuvoll das Leben verschwenden, 
Wahre die Treue in heiligen Händen. 

Aber im freundlichen Immergrün 
Ließ sich die Freundschaft ihr Sinnbild erblühn;  
Nimmer vergeht es am moosigen Quell, 
Schimmert im Kranze des Lebens so hell; 
Flicht sich zusammen zum ewigen Bunde, 
Heilet und kühlt dir die blutende Wunde!  

Düstre Zypresse, der Wehmuth Bild, 
Ward in dein dunkles Gezweige verhüllt; 
Denn auf das einsame schweigende Grab 
Neigst du die trauernden Blüten herab; 
Ach!  und vergebens in zärtlichen Tönen 
Klagen dir liebende Herzen ihr Sehnen!  

Siehe, die Bilder des Lebens verglühn, 
Schnell, wie die duftenden Blumen verblühn; 
Aber des Lenzes allliebendem Blick 
Kehren sie schöner und milder zurück! 
Herzen auf sinken zum Schlummer nieder, 
Aber  --  sie lieben und kennen sich wieder.

Confirmed with Christian Schreiber, Gedichte, erster Band, Berlin: Heinrich Frölich, 1805, pages 127 - 130.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2020-11-16
Line count: 60
Word count: 376