by Johann Ludwig Uhland (1787 - 1862)

Wühlt jener schauervolle Sturm aus...
Language: German (Deutsch) 
Wühlt jener schauervolle Sturm aus Norden
Zerstörend auch im frischen Liederkranze?
Ist der Gesang ein feiges Spiel geworden?
Wiegt fürder nur der Degen und die Lanze?
Muß schamrot abwärts stiehn der Sängerorden,
Wann Kriegerscharen ziehn im Waffenglanze?
Darf nicht der Harfner wie in vor'gen Zeiten
Willkommen selbst durch Feindeslager schreiten?

Bleibt Poesie zu Wald und Kluft verdrungen,
Bis nirgends Kampf der Völker Ruhe störet,
Bis das vulkan'sche Feuer ausgerungen,
Das stets sich neu im Erdenschoß empöret:
So ist bis heute noch kein Lied erklungen
Und wird auch keins in künst'ger Zeit gehöret:
Nein, über ew'gen Kämpfen schwebt im Liede,
Gleich wie in Goldgewölk, der ew'ge Friede.

Ein jedes weltlich Ding hat seine Zeit:
Die Dichtung lebet ewig im Gemüte,
Gleich ewig in erhabner Herrlichkeit,
Wie in der tiefen Lieb' und stillen Güte,
Gleich ewig in des Ernstes Düsterheit,
Wie in dem Spiel und in des Scherzes Blüte.
Ob Donner rollen, ob Orkane wühlen,
Die Sonne wankt nicht, und die Sterne spielen.

Schon rüsten sich die Heere zum Verderben,
Der Frühling rüstet sich zu Spiel und Reigen:
Die Trommeln wirbeln, die Trommeten werben,
Indes die wilden Winterstürme schweigen:
Mit Blute will der Krieg die Erde färben,
Die sich mit Blumen schmückt und Blütenzweigen.
Darf so der ird'sche Lenz sich frei erschließen,
So mög' auch unser Dichterfrühling sprießen!

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This text was added to the website: 2011-07-19
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