by Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Monolog der Stella
Language: German (Deutsch) 
Du blühst schön, schöner als sonst,
liebe, liebe Stätte der gehofften ewigen Ruhe,
Aber du lockst mich nicht mehr,
mir schaudert vor dir, kühle lockre Erde.
Ach, wie oft, in Stunden der Einbildung,
hüllt' ich schon Haupt und Brust
dahingegeben in den Mantel des Todes,
und stand gelassen an deiner Tiefe,
und schritt hinunter und verbarg
mein jammervolles Herz unter deine lebendige Decke.
Da solltest du, Verwesung, wie ein liebliches Kind,
diese überfüllte, drängende Brust aussaugen
und mein ganzes Dasein
in einen freundlichen Traum auflösen . . .
Doch nun . . . Sonne des Himmels, du scheinst herein!
Es ist so licht, so offen um mich her,
und ich freue mich des:
Er ist wieder da!
Und in einem Wink steht rings um mich die Schöpfung lebevoll.
Ich bin ganz Leben,
und neues wärmeres glühenderes Leben
will ich von seinen Lippen trinken,
zu ihm, bei ihm, mit ihm in bleibender Kraft wohnen.
Fernando! Horch! Er kommt!
Nein, noch nicht! Hier soll er mich finden,
hier an meinem Rasenaltar unter meinen Rosenzweigen.
Diese Knöspchen will ich ihm brechen . . .
Hier! Hier! Und dann führ' ich ihn
in diese Laube. Wohl, wohl war's, dass ich sie doch,
so eng sie ist, für Zwei eingerichtet habe . . .
Käm' er doch! Käm' er nur!
Gleich verlassen? Hab' ich ihn denn wieder?
Er ist da! Er ist da!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Malcolm Wren [Guest Editor]

Text added to the website: 2012-03-20 00:00:00
Last modified: 2014-06-16 10:04:50
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Word count: 228