Sechs Jugendlieder von Emanuel Geibel für eine Singstimme mit Pianofortebegleitung

Song Cycle by Moritz Weyermann (flourished 1872)

Word count: 628

1. Wie mir Blut und Athem stockte [sung text not yet checked]

Wie mir Blut und Atem stockte,
Süßer Schreck mein Herz befing,
Als die schöne Blondgelockte
Heut an mir vorüberging!

Kaum vermocht' ich sie zu grüßen;
Wie verzaubert blieb ich stehn,
Lang noch den beschwingten Füßen
Im Enteilen nachzusehn.

War's das Haar, das fein und golden
Leicht sich kraust' um Stirn und Schlaf?
War's ein Strahl aus diesen holden
Blauen Augen, der mich traf?

War's ihr Gang, der reizend schwebte?
Dieser Mund, der schweigend sprach?
Meine ganze Seele bebte,
Und noch immer bebt sie nach.

Also bebt wohl bis zum Grunde
Der Jasminbusch wonnevoll,
Wenn er spürt, es kam die Stunde,
Da er wieder blühen soll.

Authorship

See other settings of this text.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

2. O sprich, was willst du dich schämen [sung text not yet checked]

O sprich, was willst du dich schämen,
Daß ich dich, Weinende, sah?
Es wohnen Lieben und Grämen
Im jungen Herzen so nah.

Nimm hier im blühenden Moose
Dein lieblich Gleichnis in acht:
Am Tage lächelt die Rose
Und steht in Tränen bei Nacht.

Authorship

See other settings of this text.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

3. Im Walde lockt der wilde Tauber [sung text not yet checked]

Im Walde lockt der wilde Tauber,
Am stillen See der Weißdorn blüht,
Da kommt der alte Frühlingszauber
Gewaltig über mein Gemüt.

Mir ist, als sollt' ich Flügel dehnen
Ins klarvertiefte Blau dahin;
Mein Auge schwillt von heißen Tränen,
Und doch in Freuden steht mein Sinn.

Geheimnisvolle Glut ergreift mich
Bei tiefer Nacht oft wunderbar,
Und wie mit süßer Ahnung streift mich
Im Traum ein flatternd Lockenhaar.

Und morgens dann in roter Frühe
Erwacht mein Herz so reich und froh,
Als wüßt' es, daß sein Glück schon blühe,
Und müßte nur noch raten, wo?

Authorship

See other settings of this text.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

4. Seit ich trat in deine Kreise [sung text not yet checked]

Seit ich trat in deine Kreise,
Goldgelockte Zauberin,
Ward ich frohgemut und weise,
Froh und weise wie Merlin.

Wie der Falter im Entpuppen
Dringt mein Sinn befreit empor;
Mir vom Auge fiel's wie Schuppen,
Und erschossen ward mein Ohr.

Jetzt versteh' ich, was im Bache
Singt und klingt mit frohem Schall,
Und der Blumen stille Sprache
Und den Schlag der Nachtigall;

Lerne, was der Frühwind flüstert,
Wenn's im Walde blüht und lenzt,
Was aus Kluft und Wolke düstert,
Was aus Sternen niederglänzt.

Ach, und frag' ich dann mit Liedern
In dies Stimmgewog' im Kreis,
Kommt so lieblich ein Erwidern,
Daß ich's kaum zu fassen weiß.

Weißt du, Kind, was all das Schallen
Laut und leise mir erzählt?
»Daß dein Herz getreu vor allen,
Ach, und daß es mich erwählt.«

Authorship

See other settings of this text.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

5. Wir sassen im offenen Gartensaal [sung text not yet checked]

Wir saßen im offenen Gartensaal,
Versunken war die Sonne;
In wilden Zweifeln ging mein Herz,
Im Sturm von Weh und Wonne.

Da schlug im Busch die Nachtigall,
Und plötzlich unter Tränen
In sel'gen Schaudern fühlt' ich dich
An meinem Herzen lehnen.

Und stille ward's, es kam die Nacht
Geschlichen auf den Zehen
Und deckt' uns zu, daß unser Glück
Die Lilien nicht sähen;

Sie wären geworden feuerrot
Vor Lust und vor Verlangen,
Rot wie dein Mund, der mich geküßt,
Und wie deine brennenden Wangen.

Authorship

See other settings of this text.

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

6. Sei gesegnet das Haus [sung text not yet checked]

Sei gesegnet das Haus und gesegnet die Flur,
Wo ein Herz einst das Wunder, zu lieben, erfuhr!
Denn die Lieb' ist der Strahl, der aus Eden uns blieb,
Als der Engel des Schwertes den Ahnherrn vertrieb.

O selig Geheimnis, das keiner errät,
Wenn, was jüngst noch so fremd war, sich schauernd versteht,
Und erlöst von dem Selbst, das in Asche verstiebt,
Sich die Seele der Seele zu eigen ergibt!

Da weht es wie Frühling vom Himmel ins Herz,
Und es blühn die Gedanken wie Veilchen im März;
Du vollendest im Spiel, was dir nimmer gelang,
Und das Auge wird Glanz, und das Wort wird Gesang.

Wohl enteilt sie geflügelt, die köstliche Zeit,
Und mit Scheiden und Meiden kommt einsames Leid.
Doch die Träne der Sehnsucht, entrollt sie auch heiß,
Ist süßer als Lust, die von Liebe nicht weiß.

Drum gesegnet das Haus und gesegnet die Flur,
Wo ein Herz einst das Wunder, zu lieben, erfuhr!
Denn die Lieb' ist der Strahl, der aus Eden uns blieb,
Als der Engel des Schwertes den Ahnherrn vertrieb.

Authorship

Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]