by Theodor Storm (1817 - 1888)
Das Kind im Walde
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Language: German (Deutsch)
Our translations: FRE
Ein Knäblein hatte verlaufen sich, Und irrt in dem Walde umher, Es schreiet und weinet bitterlich. Es hungert den Kleinen sehr. Durch die finstern Tannen brauset der Wind, Dumpf krachen Zweige und Ast. Wie läuft so eilig das zitternde Kind, Es gönnet sich keine Rast. Kein Weg ist zu sehen, kein Mensch erscheint, Es ist Alles so düster und still. Und wie auch das Kindlein rufet und weint, Doch Niemand es hören will. Ihm wird so bang in der Einsamkeit, Nach allen Seiten es schaut, Es setzt sich müde in's Gras, und schreit Nach Vater und Mutter laut. "Du lieber Gott, o erhöre mich, Laß mich finden die Eltern mein! Du lieber Gott, o ich bitte dich, Hilf dem Kinde, so schwach und klein!" Als so das Knäblein gebetet hat, Legt's getröstet in's Gras sich hinein; Es war von dem vielen Laufen so matt, Schlief sanft und ruhig nun ein. Auf dem Arm das lockige Köpfchen, liegt Das Kind wie ein Englein da; In süßen Traumen ist's eingewiegt -- Jetzt ist auch die Hülfe nah'. Die sorgenden Eltern suchen ihr Kind Auf dem Feld, auf der Wiese, im Wald; Noch lauter als der brausende Wind Ihre rufende Stimme erschallt. An des Kindes Lager ganz nahe gehn Die trauernden Eltern vorbei. "O Heinrich, Heinrich, o laß dich sehn!" So tönet ihr ängstlich Geschrei. "O Vater, o Mutter, ich will ja nicht Mehr laufen allein in den Wald!" So im Traume laut das Knäblein spricht; Das hören die Eltern bald. Sie kommen. Da lieget ihr theures Kind Wie ein schlafendes Englein am Baum; Leis durch die Löcklein spielet der Wind, Und lieblich lächelt's im Traum. Die Mutter nimmt's auf den Arm, und drückt Es freudig an's liebende Herz. Wie sind die Eltern so hoch beglückt! Ihr Dank steiget himmelwärts. Der Kleine erwachet. Die Mutter spricht: "Welchen Kummer hast du uns gemacht! Und hätten wir dich gefunden nicht, Du wärest wohl nie mehr erwacht!" Das Knäblein blicket sie freundlich an. "O Mutter, oft hast du gesagt: Sei fromm, und bete! Ich hab's gethan, Hab' Gott meine Noth geklagt!" "Dann hab' ich von euch, die ich liebe so sehr, Geträumt -- da kommt ihr heran! Wer hat euch denn geführet hierher? Hat's der liebe Gott nicht gethan?" --
E. Straesser sets stanzas 1-2
Text Authorship:
- by Theodor Storm (1817 - 1888), "Das Kind im Walde" [author's text checked 1 time against a primary source]
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Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]
This text was added to the website: 2007-05-23
Line count: 60
Word count: 376