by Friedrich Rückert (1788 - 1866)

Komm, sprach das Mädchen, setze dich
Language: German (Deutsch) 
Komm, sprach das Mädchen, setze dich, 
Und nimm mich in die Lehre,
Verhöre deine Schülerin, 
Da hast du die Grammäre.

Gut, sprach ich, liebe Schülerin, 
Allein mir fehlt ein Rüthchen;
Wenn du den Lehrer zornig machst, 
Wie kühlt er sich das Müthchen? 

Er soll, sprach sie, für jedes Wort 
Mich an dem Näschen zupfen, 
Und wenn er härter strafen will, 
Mich an dem Härchen rupfen. 

Wie? sprach ich, sollen für den Mund 
Die armen Härchen büßen? 
Für jedes Wort, das du nicht weißt, 
Sollst du mich einmal küssen.

Sie lächelt', und ihr Lächeln schien
Nicht ja, nicht nein zu sagen;
Ich aber ließ das Lächeln seyn, 
Und hub sie an zu fragen. 

Und alle Wörtchen fragt' ich sie,
Die mir die schwersten schienen; 
Allein verloren war die Müh,
Und nichts war zu verdienen. 

Es war alsob ein böser Geist
Ihr jedes Wörtchen sagte,
Denn gleich war ihre Antwort da,
Noch eh ich recht sie fragte.

Bis endlich Amor meiner sich 
Erbarmt', und ich erstaunte,
Als er drei leichte Wörtchen nur
Mir in die Ohren raunte.

Ich frug: Was heißt? Ich liebe dich! 
Das wollte sie nicht wissen,
Da mußte sie mir jedes Wort 
Mit einem Kusse büßen.

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Confirmed with Gesammelte Gedichte von Friedrich Rückert, Zweiter Theil (Volume 2), Frankfurt am Main, Druck und Verlag von Johann David Sauerländer, 1843, pages 85-86.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website: 2018-06-25
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