by Ignaz Franz Castelli (1781 - 1862)

Mutter! ich bin bei'm Doktor gewesen
Language: German (Deutsch) 
Mutter!  ich bin bei'm Doktor gewesen, 
Das ist ein wunderlieblicher Mann, 
Hat so ein gutes und freundliches Wesen, 
Der hilft mir sicher, wenn Einer es kann, 
Bin fast zwei Stunden bei ihm dort geblieben, 
Er hat ganz haarklein mich ausgefragt, 
Ich hab' vertrauend ihm Alles beschrieben, 
Und hab' ihm all' meine Schmerzen beklagt. 

Daß ich umsonst auf dem Lager mich wälze, 
Und mich der Schlaf doch beständig flieht 
Daß ich vor Angst und vor Hitze fast schmelze, 
Wenn auch kein Fünkchen im Ofen glüht; 
Und wenn ich auch schlafe, dann stellen die bangen, 
Die fürchterlichen Träume sich ein, 
Da ist mir's, als wollte der Michel mich fangen, 
Ich laufe  --  er hascht mich  --  da muß ich dann schrei'n.  

Ich sagte ihm:  daß ich Beklemmungen habe, 
Da links auf der Seite;  ich athme nie frei,   
Daß mir's ist, als ob Jemand im Herzen mir grabe, 
Daß mir lieber der Mond als die Sonne sei;  --  
Daß, wenn wir so mähen, ich und der Michel, 
Ich ganz verwirrt sei, und schrecklich zerstreut, 
So daß ich im Irrthum mit meiner Sichel, 
Anstatt in das Gras, in die Finger mich schneid'. 

Ich sagt' ihm, daß jüngst ich statt dem Gemüse 
Vom Garten Rosen nach Hause mit nahm, 
Daß ich neulich am Hochzeitstage der Lise 
Auf einmal ein heftiges Zittern bekam; 
Daß sich meine Augen völlig verglasen, 
Wenn ich in der Kirch' aus dem Buche beth', 
Denn hör' auf dem Chor ich den Michel blasen, 
Mein' ich, daß der Himmel mir offen steht.  

Und als ich dem Doktor nun Alles gestanden, 
Und er mit lächelnden Blicken mich maß, 
Da nahm er ein Fleckchen Papier dann zu Handen, 
Schrieb drauf und sprach:  "Gib' der Mutter das!"  
Ich bin auf dem Wege dann stehen geblieben, 
Und hab's gelesen, ein seltsames Ding! 
Seht Mutter!  er hat mir den Michel verschrieben, 
Den Pfarrer und einen goldenen Ring. 

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Confirmed with Ignaz Franz Castelli, Poetische Kleinigkeiten, drittes Bändchen, Wien: Anton Strauß, 1819, pages 46 - 48.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Alban Förster (1849 - 1916), "Beste Kur", op. 102 (Sechs Lieder für 1 Singstimme mit Pianofortebleitung) no. 3, published 1888 [ voice and piano ], Berlin, Ries & Erler [sung text not yet checked]

Research team for this text: Bertram Kottmann , Melanie Trumbull

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