by Anonymous / Unidentified Author

Das Mädchen am Fenster
Language: German (Deutsch) 
Was leitet immer deinen Gang,
wenn mittagshell die Glocke schallt,
wenn sie am Abend wieder hallt,
ein und denselben Pfad entlang?
Siehst du am Fenster dort das Engelsbild,
das ziehet an mit einem Blick so mild!

Was bringet dich in volle Glut,
treibt dir das Blut den Wangen zu,
raubt dir die so gewohnte Ruh',
macht schwankend dich wie Meeresflut?
Siehst du am Fenster dort das holde Kind,
das trägt die Schuld im Auge so gelind!

Was füllet oft so wonniglich,
so sehnsuchtsvoll die stille Brust,
wenn du in süße Himmelslust
gedankenvoll verlierest dich?
Es ist am Fenster dort das liebe Bild,
was dir entgegenschaut so engelmild!

Das Bild ist wirklich wunderlieb,
und ist der wahre Widerschein
von einem Herzen engelrein,
dem nur ein Schwermutswölkchen blieb.
Ich sah am Fenster auch das schöne Kind,
wie zog mich an das Auge so gelind!

Es stützt die schwanenweiße Hand
den Kopf mit lock'gem Seidenhaar,
das neckend schwarze Augenpaar,
es ist der reinen Seele Pfand!
So sah am Fenster ich mit einem Blick
das liebe Bild und wurde still entzückt!

Wo Unschuld gleich der Sterne Glanz
so selig strahlt, so sanft und rein,
wo Milde füllt das ganze Sein,
da flicht sich leicht Fortunas Kranz.
O schönes Los, dich, holde Maid, zu seh'n,
wie du am Fenster bist so wunderschön!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

  • by Alexander Fesca (1820 - 1849), "Das Mädchen am Fenster", op. 32 (Sechs Lieder für Sopran oder Tenor mit Piano) no. 4, published 1844 [ soprano or tenor and piano ], Braunschweig, Meyer [sung text checked 1 time]

Researcher for this text: Johann Winkler

This text was added to the website: 2020-05-14
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Word count: 217