Ellwieens Schwanenlied
Language: German (Deutsch) 
Wie blickst du aus dem Nebelduft,
O Sonne, bleich und freundlich!
Wie weht die dunstbeladne Luft
So rauh und menschenfeindlich!

Es girrt die sterbende Natur
Ihr Schwanenlied so traurig,
Es stehen Busch und Wald und Flur
So herbstlich und so schaurig.

Ihr Rosen, die der rauhe Ost
In ihren Knospen pflückte;
Ihr Nelken, die der frühe Frost
Halbaufgeschlossen knickte!

Ist euer Loos nicht auch mein Loos?
Seyd ihr nicht, was ich werde?
Entkeimt' ich nicht, wie ihr, dem Schooß
Der mütterlichen Erde?

Ist nicht mein Halm so jugendlich,
So schlank emporgeschossen?
Hat meiner Blüthen Knospe sich
Nicht drängend aufgeschlossen?

Weckt meiner Augen blaues Licht,
Die Rose meiner Wangen,
Die Frische meiner Lippen nicht
Der Jünglinge Verlangen?

Ach! klagt um eure Schwester, klagt,
Ihr Rosen und ihr Nelken -
Wie bald! - Und hin ist meine Pracht,
Und meine Blüthen welken.

Verstreut ist all mein grünes Laub,
Geknickt mein schlanker Stengel,
Mein Staub gebettet in den Staub,
Mein Geist verklärt zum Engel!

Der Wandrer, der in meiner Zier,
In meiner Schönheit Schimmer
Mich schaute, kommt und forscht nach mir,
Und sieht mich nimmer, nimmer!

Es kommt der Jüngling, den ich mir
Erkohren einzig habe -
Ach! fleuch, Geliebter, fleuch von hier,
Dein Mädchen schläft im Grabe.

Ach! traure, Theurer, traure nicht!
Des Grabes Dunkel schwindet,
Und himmlisch und unsterblich Licht
Glänzt dem, der überwindet.

Triumph! Auf Herbstesdämmerung
Folgt milder Frühlingsschimmer.
Auf Trennung folgt Vereinigung -
Vereinigung auf immer!

Confirmed with Musen-Almanach für das Jahr 1796. Herausgegeben von Schiller. Neustrelitz, bei dem Hofbuchhändler Michaelis, pages 167-170.

Note: This is the first version of Kosegartens's Idens Schwanenlied, with 12 stanzas. In his later, substantially changed version he inserted five further stanzas (between stanza 2 and 3); see below.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

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Set in a modified version by Franz Peter Schubert.


Researcher for this text: Peter Rastl [Guest Editor]

This text was added to the website: 2018-01-22
Line count: 48
Word count: 237