Adelwold und Emma
Language: German (Deutsch) 
Möcht' es meinem Wunsch gelingen,
Der geprüften Liebe Lohn
Itzt im edlen teutschen Ton
Eines Stolbergs euch zu singen!
Oft ja trug sie den Geringen
Auf des Adlers kühnen Schwingen
Bei Geduld und Biedersinn
Zu der Freuden Gipfel hin.

Welche Feßel mag ihr wehren?
An der Mutter Brust fürwahr
Läßt sie das geweihte Par
Schon die Zauberschale leeren;
Was ist Tand, den Menschen ehren,
Wann des Herzens Ruf sie hören:
Halb den Nektar gab sie dir;
O du bist's - du trankst mit mir!

Alt, und ehern schier von Dauer,
Ragt' ein Ritterschloß empor;
Bären wachten an dem Thor;
Gleich den Riesen auf der Lauer,
Strotzten Thürm' um Wall und Mauer;
Und dem Wandrer wehten Schauer,
Brausend wie ein stürmisch Meer,
Aus den Eichenwipfeln her.

Aber finstrer Kummer nagte
Muthverzehrend um und an
Hier den wakkern teutschen Mann,
Dem kein Feind zu truzzen wagte;
Oft noch, eh der Morgen tagte,
Fuhr er auf vom Traum, und fragte -
Itzt mit Seufzen - itzt mit Schrei,
Wo sein theurer Letzter sey?

»Vater! rufe nicht dem Lieben«
Flüstert einstens Emma drein -
»Sieh, er schläft im Kämmerlein
Sanft und stolz - was mag ihn trüben?«
»Ich nicht rufen? - sind nicht Sieben
Meiner Söhn' im Streit geblieben?
Weint' ich nicht schon funfzehn Jahr
Um das Weib, das euch gebar?«

Emma hört's, und schmiegt mit Beben
Schluchzend sich um seine Knie:
»Vater! sieh dein Kind! - ach früh
War dein Beifall mein Bestreben!« ...
Wie, wenn, Trosteswort zu geben,
Himmelsboten niederschweben,
Führt der Holden Red' und Blick
Neue Kraft in ihm zurück.

Heißer preßt er sie ans Herze:
»O vergieb, daß ich vergaß,
Welchen Schatz ich noch besaß,
Uebermannt von meinem Schmerze! -
Aber sprachst du nicht im Scherze -
Wohl dann! bei dem Schein der Kerze
Wandle mit mir einen Gang
Stracks den düstern Weg entlang«. ...

Zitternd folgt sie; bald gelangen
Sie zur Halle, graus und tief,
Wo die Schar der Väter schlief;
Rings im Kreis' an Silberspangen
Um ein achtes hergehangen,
Spendeten den bleichen, bangen
Grabesschimmer fort und fort
Sieben Lämplein diesem Ort.

Jeden schloß der theuern Seinen
Schimmernd hier ein Mantel ein;
Und des Schmerzes Bild - im Stein
Schien's zu leben und zu weinen.
»Bei den heiligen Gebeinen,
Welchen diese Lämplein scheinen«
Ruft er laut - »beschwör' ich dich,
Traute Tochter, höre mich.

Mein Geschlecht seit grauen Zeiten
War - wie Rittersmännern ziemt -
Keck, gestreng' und fast berühmt;
In des Grabes Dunkelheiten
Sank die Schar von Biederleuten -
Sanken die, so mich erfreuten,
Bis einst der Posaune Hall
Sie wird wekken allzumal.

Nie vergaßen deine Brüder
Dieser großen Ahnen Werth;
Reich und Kaiser schützt' ihr Schwert
Wie ein dekkendes Gefieder;
Ach die Tapfern sanken nieder!
Gieb sie, Tochter, gieb sie wieder
Mir im wakkern Bräutigam,
Dir erkiest aus Heldenstamm.

Aber Fluch!« ... Und mit dem Worte -
Gleich als jagt' ihn Nacht und Graus -
Zog er plötzlich sie hinaus
Aus dem schauervollen Orte. ...
Emma wankte durch die Pforte:
»Ende nicht die Schreckensworte!
Denk' an Himmel und Gericht!
O verwirf, verwirf mich nicht!«

Bleich, wie sie, mit bangem Zagen
Lehnt des Ritters Knappe hier;
Wie dem Sünder wird's ihm schier,
Den die Schrekken Gottes schlagen;
Kaum zu athmen thät er wagen -
Kaum die Kerze vorzutragen
Hatte, matt und fieberhaft,
Seine Rechte noch die Kraft.

Adelwold. ... Ihn bracht' als Waise
Mitleidsvoll auf seinem Roß
Einst der Ritter nach dem Schloß
Heim von einer fernen Reise -
Pflegte sein mit Trank und Speise,
Thät ihn hegen in dem Kreise
Seiner Kinder - oft und viel
War er tummelnd ihr Gespiel.

Aber Emma ... seine ganze
Zarte Seele webt' um sie;
War es frühe Simpathie? -
Froh umwand sie seine Lanze
Im Turnier mit einem Kranze -
Schwebte leichter dann im Tanze
Um den Ritter, keck und treu,
Als das Lüftchen schwebt im Mai.

Rosig auf zum Jüngling blühte
Bald der Niedre von Geschlecht;
Edler lohnte nie ein Knecht
Seines Pflegers Vatergüte;
Aber heiß und heißer glühte -
Was zu dämpfen er sich mühte;
Jeder Kampf mit der Natur
Knüpft' an sie ihn fester nur -

Fest und fester sie an ihren
Süßen, trauten Adelwold.
»Was sind Wappen, Land, und Gold -
Sollt' ich Arme dich verlieren?
Was die Flitter, so mich zieren?
Was Bankete bei Turnieren?
Wappen, Land, Geschmuck, und Gold
Lohnt ein Traum von Adelwold!«

So das Fräulein, wann der Schleier
Grauer Nächte sie umfing;
Oft im Todtenkleide ging -
Ihrem Herzen o wie theuer!
Itzt vorbei ihr Vielgetreuer -
Itzt der Vater; Ungeheuer
Dräuten dann für jede Wahl
Ihr der Hölle bange Qual.

Doch mit eins, als Emma heute
Spät noch betet, weint, und wacht,
Steht, gehüllt in Pilgertracht,
Adelwold an ihrer Seite:
»Zürne nicht, Gebenedeite!
Denn mich treibt's, mich treibt's ins Weite!
Fräulein, dich befehl' ich Gott!
Dein im Leben und im Tod!

Leiten soll mich dieser Stekken
Hin in Zions heilges Land -
Wo vielleicht ein Häuflein Sand
Bald den Waller wird bedekken. ...
Meine Seele muß erschrekken,
Durch Verrath sich zu beflekken
An dem Mann, der, mild und groß,
Her mich trug in seinem Schooß.

Selig träumt' ich einst als Knabe,
Engel - ach vergieb es mir!
Denn ein Bettler bin ich schier;
Nur dies Herz ist meine Habe.«
»Jüngling - ach an diesem Stabe
Führst du treulos mich zum Grabe,
Würgest - Gott verzeih es dir!
Die dich liebte für und für!«

Und schon wankte der Entzückte -
Als des Fräuleins keuscher Arm -
Ach so weiß, so weich und warm!
Sanft ihn hin zum Busen drückte. ...
Aber fürchterlicher blickte -
Was ihr Kuß ihm schier entrückte;
Und vom Herzen, das ihm schlug,
Riß ihn schnell des Vaters Fluch.

Schnell entschwand er - wie die Kunde
Vom Gespenst der Nacht uns sagt,
Wann es wittert, daß es tagt. ...
»Lindre, Vater, meine Wunde! -
Keinen Laut aus Trösters Munde!
Keine Zähr' in dieser Stunde!
Keine Sonne, die mir blickt!
Keine Nacht, die mich erquickt!«

Gold, Gestein, und Seide nimmer,
Schwört sie, fort zu legen an;
Keine Zofe darf ihr nahn,
Und kein Knappe heut' und immer;
Oft bei trautem Mondenschimmer
Wallt sie barfuß über Trümmer,
Wild verwachsen, steil und rauh,
Noch zur hochgelobten Frau.

Selbst dem Ritter thät sich senken
Tief und tiefer jetzt das Haupt;
Kaum daß er der Mähr noch glaubt;
Seufzen thät er itzt - itzt denken,
Was den Liebling konnte kränken? -
Ob ein Spiel von Neid und Ränken? -
Ob? ... Wie ein Phantom der Nacht
Schreckt' ihn - was er itzt gedacht.

Ritter! ach schon weht vom Grabe
Deiner Emma Todtenluft!
Schon umschwärmt der Väter Gruft
Witternd Käuzlein, Eul' und Rabe; -
Weh dir! weh! an seinem Stabe
Folgt sie willig ihm zum Grabe,
Hin, wo mehr denn Helm und Schild
Liebe, Treu' und Tugend gilt. ...

Doch wo ist, der zu ergründen
Wagt der Zukunft Rathschluß? - kaum
Daß wir itzt und itzt im Traum
Ihrer Tritte Spur empfinden ...
Hergeführt auf schwülen Winden,
Muß ein Stral die Burg entzünden,
Und im Wetter wunderbar
Lösen sich, was Räthsel war.

Tosend gleich den Wogen wallen
Rings die Gluthen - krachend dräun
Säul' und Wölbung, Balk' und Stein,
Stracks in Trümmer zu zerfallen;
Angstruf und Verzweiflung schallen
Grausend durch die weiten Hallen:
Stürmend drängt und athemlos
Knecht und Junker aus dem Schloß.

»Rächer! Rächer! ach verschone!«
Ruft der Greis mit starrem Blick -
»Gott! mein Kind! - es bleibt zurück! -
Rettet - daß euch Gott einst lohne! -
Gold und Silber, Land und Frohne,
Jede Burg, die ich bewohne,
Ihrem Retter zum Gewinn -
Selbst dies Leben geb' ich hin!«

Gleiten ab von tauben Ohren
Thät des Hochbedrängten Schrei; -
Aber plötzlich stürzt herbei,
Der ihr Treue zugeschworen -
Fleugt nach den entflammten Thoren -
Giebt mit Freuden sich verloren;
Jeder staunend fern und nah
Wähnt' ein Trugspiel, was er sah.

Gluth an Gluth! und jedes Streben
Schier vergebens! - endlich faßt
Er die theure, süße Last,
Kalt und sonder Spur von Leben;
Doch beginnt ein lindes Beben
Herz und Busen ihr zu heben;
Und durch der Verwüstung Graus
Trägt er glücklich sie hinaus.

Purpur kehrt auf ihre Wangen,
Wo der Traute sie geküßt. ...
»Jüngling! sage, wer du bist -
Ich beschwöre dich - der Bangen;
Hält - wie oft die Harfner sangen -
Itzt ein Engel mich umfangen,
Der auf seinem Erdenflug
Meines Lieben Bildniß trug?«

Starr zusammenschrickt der Blöde -
Denn der Ritter nah am Thor
Lauscht mit hingewandtem Ohr
Jedem Laut der süßen Rede; -
Ach der Rückweg in die Oede,
Schimpfend, martervoll und schnöde,
Preßt mit zentnerschwerem Schmerz
Itzt sein biedres, großes Herz.

Doch den Zweifler thät ermannen
Bald des Alten Gruß und Kuß,
Dem im süßesten Genuß
Hell der Wonne Zähren rannen:
»Du es? du? sag' an, von wannen?
Was dich thät von mir verbannen?
Was dich - nimmer lohn' ich's dir -
Heut' ihr wiedergab und mir?«

»Deines Fluchs mich zu entlasten -
Wer verdient' ihn mehr als ich? -
Ging ich; - wild und fürchterlich
Trieb mich's sonder Ruh' und Rasten;
Dort im Kloster, wo sie praßten,
Labten Thränen mich und Fasten,
Bis der Pilger fromme Schar
Voll zur Fahrt versammlet war.

Doch an unsichtbaren Ketten
Zog mich plötzlich Gottes Hand
Traun zurück von Land und Land
Her zur Burg; - ich wollte wetten,
Daß, mein Theurestes zu retten,
Stürme mich beflügelt hätten; -
Nim sie, Ritter, nim und sprich
Itzt das Urtheil über mich.«

Emma harrt, in düstres Schweigen,
Wie in Mitternacht gehüllt;
Starrer denn ein Marmorbild,
Harren furchterfüllte Zeugen;
Denn es zweifelten die Feigen,
Ob den Ritterstolz zu beugen
Je vermöcht' ein hoher Muth
Sonder Ahnenglanz und Gut.

»Dein ist Emma! - längst entscheiden
Thät der Himmel; rein wie Gold
Bist du funden, Adelwold -
Groß in Edelmuth und Leiden;
Nim! - ich gebe sie mit Freuden;
Nim!  der Himmel thät entscheiden -
Nannte selbst im Donner laut
Sie vor Engeln deine Braut.

Nim sie hin mit Vatersegen;
Ihn wird neben meine Schuld -
Ach mit Langmuth und Geduld!
Der einst kommt, Gericht zu hegen,
Auf die Prüfungswage legen -
Mir verzeihn um euretwegen,
Der, von eitlem Solz befleckt,
Beid' euch schier ins Grab gestreckt.«

Fest umschlungen itzt von ihnen,
Blickt der Greis zum Himmel auf:
»Fröhlich endet sich mein Lauf!«
Spuren der Verklärung schienen
Aus des Hochentzückten Mienen -
Und auf dampfenden Ruinen
Knüpft' er schweigend ihre Hand
In das langersehnte Band.

Confirmed with Gedichte und Prosaische Aufsäzze von F. A. F. Bertrand. Mit einem Titelkupfer. Zerbst bei Andr. Füchsel 1813, pp. 8-25.

Note: This is a revised version of the ballad set by Schubert, which is based on a version published in 1798 in Almanach und Taschenbuch zum geselligen Vergnügen von W. G.Becker für 1799; see below. In 1798 Bertrand also published another, similar ballad, with the title Richard und Lina, in an anthology of German ballads edited by C. F. Waitz.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

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Set in a modified version by Franz Peter Schubert.


Researcher for this text: Peter Rastl [Guest Editor]

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