Agnete
Language: German (Deutsch) 
Available translation(s): ENG FRE
Es schaute in die Wogen
Die Maid im Abendschein,
Da hat der Neck gezogen
Sie in die Fluth hinein.

Sie sitzt in klaren Hallen,
Auf goldigem Bernsteinthron,
Und trägt von rothen Korallen
Eine steinerne Dornenkron.

Die Wasser [rauschen]1 und rauschen 
Um all die todte Pracht;
"Ach könnt' ich [nur]2 einmal lauschen,
Wann morgens der Hain erwacht!"

Der Mond scheint in die blauen
Wellen mit sanftem Licht:
"Ach könnt' ich noch einmal schauen
Meiner Mutter Angesicht!"

Die Strudel rollen und tosen
In wunderbar tiefem Sang.
"Ach hört' ich noch einmal der Orgel,
Der Kirchenglocken Klang!"

Sie stürzt dem Neck zu Füßen:
»Ach laß mich nur einmal gehn,
Mein Mütterlein zu grüßen,
Die Erde wieder zu sehn.«

Da spricht der Neck: »Es weinen
Gewiß die Kinder sehr,
Eh Tag und Nacht sich einen,
Kehre zurück ins Meer.«

Sie ist heraufgestiegen
Aus der kristallnen Gruft,
Läßt froh die Blicke fliegen
In Gottes freie Luft.

Sie grüßt den Strand entzücket, 
Wo sie als Mägdlein saß,
Hat an die Brust gedrücket 
Das schwanke Halmengras.

Das Thürmlein der Kapelle
Winkt hoch vom Fels am Meer,
Sein Glöcklein klinget helle
Im Lande weit umher.

Und sanfter heut erschallet
Der fromme Glockenton,
Im langen Zuge wallet
Das Volk zur Kirche schon.

Es gehn mit dem Liederbuche
Die Jungfrau'n in's Gotteshaus,
Und jede auf weißem Tuche
Trägt einen Nelkenstrauß.

Sie folget zur Kapelle
Und zagt hinein zu gehn,
Doch auf der Kirchenschwelle
Sieht sie die Mutter stehn.

»Ach liebes Kind, Agnete,
Sag an, wo kommst du her?«
»O Mutter, Mutter bete,
Ich war im blauen Meer.«

Sie stürzet auf die Knie
Und weinet bitterlich:
»Du heilige Marie,
Ach bitte du für mich!«

Und heller, und heller quollen
Die Hymnen, der Orgel Sang,
Und dumpfer und dumpfer grollen
Die Wasser im starken Drang.

Da sprengt auf schaumigem Rosse
Über die wogende Bahn,
Von stäubendem Gischt [umflogen]3
Der Neck den Felsen hinan.

Er tritt in die heilige Halle,
Die Engel und Seraphim,
Die Heiligenbilder alle
Sie wenden sich [von]4 ihm.

Er spricht mit zürnendem Munde:
»Du weiltest lange genug,
Vergißt du, daß tief im Grunde
Dein Leben Wurzeln schlug?«

»Und hat es Wurzeln geschlagen,
So war es doch liebeleer,
Hier athm' ich Leben und Liebe
Ich folge dir nimmermehr!«

Seine Augen wie Blitze leuchten,
Wild stürmet der Neck hinaus
Und stürzt sich vom Fels in der feuchten
Tiefe wogenden Graus.

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Confirmed with Neue Gedichte von Luise von Ploennies, Verlag der Hofbuchhandlung von G. Jonghaus, Darmstadt, 1851, pages 35-39.

1 Loewe: "wogen"
2 Loewe: "noch"
3 Loewe: "umfloßen"
4 Loewe: "ab von"

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)

Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):

  • ENG English (Elisabeth Siekhaus) , "Agnete", copyright © 2008, (re)printed on this website with kind permission
  • FRE French (Français) (Guy Laffaille) , "Agnete", copyright © 2017, (re)printed on this website with kind permission


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

Text added to the website between May 1995 and September 2003.
Last modified: 2014-06-16 10:01:45
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