by Gottlieb Konrad Pfeffel (1736 - 1809)

Ein armes Grillchen saß
Language: German (Deutsch) 
Ein armes Grillchen saß 
Versteckt im hohen Gras
Auf einem bunten Hügel.
Hier sah das kleine Ding 
Den schönsten Schmetterling, 
Mit ausgespanntem Flügel,
Im Pomp vorüberziehn.
Ein lichter Farbenspiegel 
Von Gold, Ultramarin 
Und Silber und Carmin 
War sein Gewand; das Futter 
Glich reiner Perlenmutter.
Der eitle Stutzer wog 
Sich in der Luft und flog 
Von Rosen auf Narcissen 
Und Lilien, und sog 
Mit wonnetrunknen Küssen 
Den Balsamnektar ein. 
Ach! rief das Grillchen, müßen 
Die Hetren denn allein 
Auf Erden glücklich seyn? 
Was immer reitzt und blendet, 
Das hat schon die Natur 
Dem Gecken da verschwendet.
Und ich? man sehe nur 
Die traurige Figur,
Die ich zu Markte trage. 
Auch war auf unsrer Flur 
Von mir noch keine Frage; 
Kaum blickt man auf mich hin.
O lieber gar begraben,
Als das seyn, was ich bin. 
So sprach die Siedlerin,
Als eine Rotte Knaben 
Den Bühl heruntergieng. 
Sie sah'n den Schmetterling 
Auf einer Tulpe naschen. 
Husch, lief der ganze Troß,
Den Harlekin zu haschen.
Hut, Schnupftuch, Mütze, schoß 
Auf ihn von jeder Seite, 
Und ach! der arme Tropf 
Ward fliehend ihre Beute. 
Hans fasset ihn am Schopf,
Fritz packt ihn bey den Füßen,
Am Fittig zerrt ihn Klaus 
Und kurz er wird zerrissen.
Das Grillchen sah den Straus 
Von einer Wiesenblume;
Ach! rief es schaudernd aus: 
Wenn man beym eiteln Ruhme 
Zu glänzen so viel wagt,
So hat mein Eigendünkel
Mit Unrecht sich beklagt.
Wie lieb wird nun mein Winkel 
Mir seyn! Wer sich erhebt,
Muß stets in Sorgen schweben;
Nur der kann glücklich leben,
Der im Verborgnen lebt.

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Confirmed with Poetische Versuche von Gottlieb Conrad Pfeffel, Fünfter Theil, Tübingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung, 1803, pages 68-70.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

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