by Moritz Hartmann (1821 - 1872)

Die Nacht
Language: German (Deutsch) 
Sie steigt empor 
in stiller Pracht,
die heil'ge Nacht,
sie wallt hervor
aus purpurnem Tor,
aus Nebelschleiern.
Sie wandelt, sie schreitet
von Gipfel zu Gipfel,
es flüstern die Wipfel
den Gräsern zu:
Es nahet die Nacht,
das Fest der Ruh'.

Mutter der Welt!
Heilige Nacht!
Willkommen, willkommen!
Nun wandelst du hin
verhüllten Schrittes,
von Lager zu Lager
der schlafenden Kinder.

Zu deiner Linken geht mit gold'nem Fittig
ein holder Genius,
zu deiner Rechten geht mit dunklem Fittig
ein holderer, stiller Genius:
Der Traum, der Tod.
Sie tragen Balsam in weißen Händen,
sie tragen Balsam, ihn auszuspenden
für alle Wunden, für alles Leid.

Sei mir gepriesen, gebenedeit,
holdsel'ger Knabe, gold'ner Traum!
Ich litt und stritt,
noch halt' ich das Schwert
mit blutender Hand,
das gegen das Herz
mit doppelter Schneide mir fährt.
Mit leisem Schritte
kommst du herbei
und hast es dem Kummer entwandt
und brichst es entzwei.

Holdsel'ger Knabe, gold'ner Traum,
du führst uns von dannen
an blühende Strande
in lachende Lande,
wo Palmen glänzende Zelte des Friedens spannen,
und fliegst du weiter mit luftigen Schwingen,
befiehlst du zu singen der Nachtigall.
Genieße, was der Tag versagt,
sei glücklich, glücklich, bis es tagt!

Traum! Ahnst du, Seele, was er flüsternd sagt
von unfassbarer Pracht?
Er verkündet das Licht, das drüben tagt,
jenseits der Nacht.
Ein Widerschein von Seligkeiten
ist dein Traumgesicht,
ein Abglanz nur sind die lichten Weiten
von jenem ew'gen Licht.
Ein Tropfen taut auf die Erde nieder,
und Frühling blüht;
ein Tropfen scheint im Himmel wieder,
ein Stern erglüht.
Es rieselt in Quellen herab von den Sternen,
es webet durch unendliche Fernen
von Welt zu Welt die strahlenden Bahnen.
Es wallet in Strömen durch himmlische Weiten,
durch uferlose Unendlichkeiten.
Aus Sonnen strömt es in Ozeanen.
Es beben die Festen der Erde, es zittern 
die Säulen des Bau's, sie werden zersplittern;
die See braust aus den Ufern empor,
aus Wolkengebirgen stürzet die Flamme
wie Fluten aus gebrochenem Damme,
der Donner pochet ans irdische Tor.
Bebet nicht, das ist nicht Tod. Es ist das Licht,
das drüben tagt, jenseits der Nacht.

O Tod, ersehnter Helfer, Bringer des Friedens,
alle Sehnsucht stillender,
Fessel zerbrechender,
liebender, umarmender Befreier!
Führer in kummerlose Gefilde,
du blickst so milde.
Aus deinen Augen ein einziger Strahl,
und es schmilzt die Qual,
und Rosen erblüh'n aus erkalteten Herzen.
Sanft gleitet dein Kahn hinüber
zu den ewig ruhevollen Auen,
und deine Kinder schauen,
lächelnd ob unsrer Tränen
zu uns, den Trauernden, herüber.
Sie sind im Hafen,
sie sind in ewiger Ruhe geborgen;
wir aber schlafen
entgegen vergänglichem Morgen.

Von Welt zu Welt durch unendliche Weiten
sind ausgespannt die tönenden Saiten,
die Harfe klingt, es klingt das All
das Lied vom ewigen Leben und Sterben,
das Lied von der Liebe überall!

Liebe, deine Macht
schuf die Nacht,
schuf den Tod.
Du bist das Licht, das ewig brennt,
in unserm Herzen, am Firmament;
du bist das Licht, das ewig leuchtet,
auch in der Träne, die unser Auge befeuchtet.
Leuchtest in Tränen mit gold'nen Strahlen,
durch Hoffen und Sehnen und nagende Qualen.

Webe, o Liebe, dein ewiges Band
von Herz zu Herzen, von Land zu Land.
Dein ist die Macht! O sprich das Werde!
Es werde das Glück der Liebe den Kindern der Erde!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Research team for this text: Bertram Kottmann , Johann Winkler

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