Herr Paliss
Language: German (Deutsch) 
 Vor Pavia hat Herr Paliss
 Den Geist einst aufgegeben!
 O starb er nicht: gewiß, gewiß!
 Er wäre noch am Leben!

 Lang war er, schön und tugendsam,
 Von aufgeräumten Wesen;
 Wenn er den Hut vom Kopfe nahm,
 So war er drauf gewesen.

 Sein Koch, ein glückliches Genie,
 Ließ Bratwurst oft ihn essen,
 Und hat die frischen Eier nie
 Am Eierplaz vergessen.

 Paliss goß in sein trautes Glas
 Ein gut Gewächs vom Rheine,
 Und trank er nicht, so blieb sein Faß
 Viel länger voll mit Weine!

 Empfing des Landes Einsamkeit
 Ihn unter grünen Buchen,
 O dann verlor man seine Zeit,
 Ihn in der Stadt zu suchen!

 Wie sein Herr Vater, sanft und gut,
 So fand ihn, wer ihn kannte;
 Denn er geriet nur dann in Wut,
 Wenn er von Zorn entbrannte!

 Er ließ, gemeiner Sage nach,
 Sein Essen schmackhaft kochen,
 Und Fastnacht war bei ihm der Tag
 Vor Aschermittewochen!

 Von Geld und Gütern den Genuß
 Erhielt er karg vom Glücke;
 Doch fehlt es, hat er Überfluß,
 Ihm auch an keinem Stücke.

 Zur Kunst des werten Hippokras
 Ließ er kein Zutrann spüren;
 Doch Pillen nahm er nie zum Spaß,
 Nein! immer zum Laxiren.

 Sein Haus verkauft er ungewehrt;
 Wem dieses wundern sollte,
 Der denke, daß es ihm gehört',
 Und daß er keins mehr wollte!

 Dem König schrieb er einen Brief:
 Er werde nicht genesen;
 Und schrieb er nicht, so ward sein Brief
 Vom König nicht gelesen!

 Beneidenswerter Tod, ach! ach!
 Man klagt um ihn vergebens!
 Denn seht, es war sein Sterbetag -
 Der letzte seines Lebens!

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website between May 1995 and September 2003.
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