by Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900)
Nur Narr! Nur Dichter!
Language: German (Deutsch)
Bei abgehellter Luft, wenn schon des Taus Tröstung zur Erde niederquillt, unsichtbar, auch ungehört – denn zartes Schuhwerk trägt der Tröster Tau gleich allen Trostmilden – gedenkst du da, gedenkst du, heißes Herz, wie einst du durstetest, nach himmlischen Tränen und Taugeträufel versengt und müde durstetest, dieweil auf gelben Graspfaden boshaft abendliche Sonnenblicke durch schwarze Bäume um dich liefen, blendende Sonnen-Glutblicke, schadenfrohe. »Der Wahrheit Freier – du?« so höhnten sie – »Nein! nur ein Dichter! ein Tier, ein listiges, raubendes, schleichendes, das lügen muß, das wissentlich, willentlich lügen muß, nach Beute lüstern, bunt verlarvt, sich selbst zur Larve, sich selbst zur Beute, das – der Wahrheit Freier?... Nur Narr! nur Dichter! Nur Buntes redend, aus Narrenlarven bunt herausredend, herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken, auf Lügen-Regenbogen zwischen falschen Himmeln herumschweifend, herumschleichend – nur Narr! nur Dichter!... Das – der Wahrheit Freier?... Nicht still, starr, glatt, kalt, zum Bilde worden, zur Gottes-Säule, nicht aufgestellt vor Tempeln, eines Gottes Türwart: nein! feindselig solchen Tugend-Standbildern, in jeder Wildnis heimischer als in Tempeln, voll Katzen-Mutwillens durch jedes Fenster springend husch! in jeden Zufall, jedem Urwalde zuschnüffelnd, daß du in Urwäldern unter buntzottigen Raubtieren sündlich gesund und schön und bunt liefest, mit lüsternen Lefzen, selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig, raubend, schleichend, lügend liefest... Oder dem Adler gleich, der lange, lange starr in Abgründe blickt, in seine Abgründe... – o wie sie sich hier hinab, hinunter, hinein, in immer tiefere Tiefen ringeln! – Dann, plötzlich, geraden Flugs, gezückten Zugs auf Lämmer stoßen, jach hinab, heißhungrig, nach Lämmern lüstern, gram allen Lamms-Seelen, grimmig gram allem, was blickt tugendhaft, schafmäßig, krauswollig, dumm, mit Lammsmilch-Wohlwollen... Also adlerhaft, pantherhaft sind des Dichters Sehnsüchte, sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven, du Narr! du Dichter!... Der du den Menschen schautest so Gott als Schaf –, den Gott zerreißen im Menschen wie das Schaf im Menschen und zerreißend lachen – das, das ist deine Seligkeit, eines Panthers und Adlers Seligkeit, eines Dichters und Narren Seligkeit!«... Bei abgehellter Luft, wenn schon des Monds Sichel grün zwischen Purpurröten und neidisch hinschleicht, – dem Tage feind, mit jedem Schritte heimlich an Rosen-Hängematten hinsichelnd, bis sie sinken, nachtabwärts blaß hinabsinken: so sank ich selber einstmals aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, aus meinen Tages-Sehnsüchten, des Tages müde, krank vom Lichte, – sank abwärts, abendwärts, schattenwärts, von einer Wahrheit verbrannt und durstig – gedenkst du noch, gedenkst du, heißes Herz, wie da du durstetest? – daß ich verbannt sei von aller Wahrheit! Nur Narr! Nur Dichter!..
Text Authorship:
- by Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844 - 1900), "Nur Narr! Nur Dichter!", appears in Dionysos-Dithyramben, in Nur Narr! Nur Dichter! [author's text not yet checked against a primary source]
Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):
- by Adriana Hölszky (b. 1953), "Nur Narr! Nur Dichter!", 2000/2001 [ 48 voices ], from umsphinxt..., no. 2 [sung text not yet checked]
Researcher for this page: Joost van der Linden [Guest Editor]
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