by Werner Bergengruen (1892 - 1964)

Die Unsichtbaren
Language: German (Deutsch) 
Rüste abendlich die Schale,
schütte Milch und backe Brot
dem geheimen Volk zum Mahle.
Geht es, ist die Hausung tot.

Wiege hütet es und Windel
und im Keller Kohl und Wein.
Jeder Stein und jede Schindel
will von ihm bezeichnet sein.

Horche nicht nach ihren Schritten,
geh sie nicht mit Worten an.
Niemals sind sie zu erbitten,
frei ist Gabe, Spruch und Bann.

Manchmal wie ein Mückenschatten
streift es winzig dein Gesicht,
manchmal zwischen Stroh und Latten
blitzt und lischt ein schmales Licht...

Sie bewahren, sie bescheren
deinem Salz die heilige Kraft,
kochen in den Gartenbeeren
prall den sonnensüßen Saft.

In der grünen Flut der Bäume
zählen sie getreu das Laub,
streun in deiner Kinder Träume
Mondenkräuter, Sternenstaub.

Segnen Lust und Tränenfließen,
Speise, Atem, Schlaf und Trank,
auch das letzte Augenschließen,
ohne Bitte, ohne Dank.

Dem geheimen Volk zum Mahle
schütte Milche und backe Brot.
Rüste abendlich die Schale
und verletze kein Gebot.

Und so wird dir alles werden,
dessen wir bedürftig sind:
Tau des Himmels, Fett der Erden,
bis auf Kind und Kindeskind.

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

This text was added to the website between May 1995 and September 2003.
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