Abendlied, an den Ufern der Ostsee
Language: German (Deutsch) 
In sußer Abendruhe winket
Die weite Flur mir still und mild,
Und aus der Ostsee Fluthen blinket
Der Wolken glanzumsäumtes Bild. 
Mit leichtem, luftigem Gefieder
Schwingt sich zur Ruh der Vögel Heer;
Die Nacht schwebt grau verschleieret nieder,
Und hüllet schweigend Land und Meer. 

Sei mir willkommen, Du Vertraute
Der Sehnsucht, die in meiner Brust
Mit bangem, leisem Klagelaute
Verlanget nach verschwund'ner Lust. 
Du, im Gefolge goldner Sterne,
Erhebest mir den matten Sinn, 
Und richtest ihn zur dunklen Ferne
Der ahnungsvollen Zukunft hin.

Was wird sie mir verschleiert bringen?
Wird, was mein krankes Herz begehrt,
Der stille Wunsch mir noch gelingen,
Der Wunsch, vor allem mir so werth? 
Nicht Durst nach Ruhm hat ihn gebohren,
Nicht Eitelkeit ihn Kuhn verzeugt  -- 
Nicht Habsucht sich ihn auserkohren,
Ihn, den die Lippe stumm verschweigt.  

O wärst du meines Schicksals Spiegel, 
Du reine, silberhelle Fluth,
Auf der, gleich einem heil'gen Siegel,
Des Himmels heitres Bildnis ruht. 
Doch  --  rings von trüber Nacht umfangen,  
Stellt sich mein Loos mir schaudernd dar,
Denn ach, längst ist der Muth vergangen,
Der einst so flammend in mir war. 

Doch wie des Mondes hoher Schimmer
Die düstre Finsterniß erhellt,
So sinkt der Hoffnung Licht mir nimmer
Im Dunkel der verworr'nen Welt. 
Und treu will ich der Wunsch bewahren,
Den das verschwieg'ne Herz umhüllt;
Vielleicht daß einst, wenn auch nach Jahren,
Das Schicksal freundlich ihn erfüllt.

Confirmed with Taschenbuch der Liebe und Freundschaft gewidmet, Frankfurt am Main: Friedrich Wilmans, 1812, pages 131 - 132.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

Text added to the website: 2017-11-13 00:00:00
Last modified: 2017-11-13 11:01:21
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