by Franz Wisbacher (1849 - 1912)

Mütterlein
Language: German (Deutsch) 
Ich sage dir, lieb Mütterlein:
Geh' du mir ja nicht fort! 
Ist unser Häuschen auch nur klein,
Ist's doch ein lieber Ort.
Seit vierzig Jahren fegt dein Fleiß
Die altersgrauen Dielen weiß:
Ich sage dir, lieb Mütterlein:
Geh' du mir ja nicht fort!

Was faselt du von grauem Haar?
Dein Herz bleibt jung und frisch!
Nicht echt wohl dein Geburtsschein war,
Wer fragt nach solchem Wisch!
Sieh' nicht so oft den Spiegel an,
Hast früher es doch nie gethan!
Was faselt du von grauem Haar? 
Dein Herz bleibt jung und frisch! 

O sag':  nicht wahr, zu deiner Zeit 
Da ging es nicht so toll? 
Da war von Lüge, Not und Streit
Nicht alle Welt so voll;
Da war noch Glaube, Zucht und Scheu'
Nicht ganz erstorben Lieb' und Treu':
Ja, Mütterlein, zu deiner Zeit
Da ging es nicht so toll!  

Mich lockte einst so süßer Mund,
Du schütteltest das Haupt;
Dein Warnen schien mir ohne Grund,
O hätt' ich dir geglaubt!
Solch schwankend Rohr, es neigt sich bald,
Du stehst wie treuer Tannenwald;
Mich lockte einst so süßer Mund,
O hätt' ich dir geglaubt! 

Drum sag' ich dir, lieb' Müterlein,
Geh' du mir ja nicht fort!
Du mußt doch länger bei mir sein
Mit liebem Blick und Wort! 
Bald bricht ein neuer Frühling an,
Der hat dir stets so wohl gethan;
Ich sage dir, lieb' Mütterlein,
Geh' du mir ja nicht fort! 

Confirmed with Franz Wisbacher, Gedichte, vierte Auflage, no editor identified, Salzburg: Heinrich Dieter, 1901, pages 6-7.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2019-08-25
Line count: 40
Word count: 232