by Johann Wolfgang von Goethe (1749 - 1832)

Denken die Himmlischen
Language: German (Deutsch) 
Iphigenie:
 Denken die Himmlischen
 Einem der Erdgebornen
 Viele Verwirrungen zu
 Und bereiten sie ihm
 Von der Freude zu Schmerzen
 Und von Schmerzen zur Freude
 Tief erschütternden Übergang:
 Dann erziehen sie ihm
 In der Nähe der Stadt
 Oder am fernen Gestade,
 Daß in Stunden der Not
 Auch die Hülfe bereit sei,
 Einen ruhigen Freund.
 O segnet, Götter, unsern Pylades
 Und was er immer unternehmen mag!
 Er ist der Arm des Jünglings in der Schlacht,
 Der Greises leuchtend Aug in der Versammlung:
 Denn seine Seel ist stille; sie bewahrt
 Der Ruhe heil'ges, unerschöpftes Gut,
 Und den Umhergetriebnen reichet er
 Aus ihren Tiefen Rat und Hülfe. Mich
 Riß er vom Bruder los; den staunt ich an
 Und immer wieder an und konnte mir
 Das Glück nicht eigen machen, ließ ihn nicht
 Aus meinen Armen los und fühlte nicht
 Die Nähe der Gefahr, die uns umgibt.
 Jetzt gehn sie, ihren Anschlag auszuführen,
 Der See zu, wo das Schiff mit den Gefährten,
 In einer Bucht versteckt, aufs Zeichen lauert,
 Und haben kluges Wort mir in den Mund
 Gegeben, mich gelehrt, was ich dem König
 Antworte, wenn er sendet und das Opfer
 Mir dringender gebietet. Ach! ich sehe wohl,
 Ich muß mich leiten lassen wie ein Kind.
 Ich habe nicht gelernt zu hinterhalten
 Noch jemand etwas abzulisten. Weh!
 O weh der Lüge! Sie befreiet nicht
 Wie jedes andre, wahrgesprochne Wort
 Die Brust; sie macht uns nicht getrost, sie ängstet
 Den, der sie heimlich schmiedet, und sie kehrt,
 Ein losgedruckter Pfeil, von einem Gotte
 Gewendet und versagend, sich zurück
 Und trifft den Schützen. Sorg auf Sorge schwankt
 Mir durch die Brust. Es greift die Furie
 Vielleicht den Bruder auf dem Boden wieder
 Des ungeweihten Ufers grimmig an.
 Entdeckt man sie vielleicht? Mich dünkt, ich höre
 Gewaffnete sich nahen! -- Hier! -- Der Bote
 Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt.
 Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele,
 Da ich des Mannes Angesicht erblicke,
 Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.

W. Schreiter sets lines 1-13

Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

Text added to the website: 2012-05-12 00:00:00
Last modified: 2014-06-16 10:04:54
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