by Rudolph Baumbach (1840 - 1905)

Vogelweisheit
Language: German (Deutsch) 
Die Grete half am ersten Mai 
Der Mutter Bohnen legen. 
Des Nachbars Hans kam auch herbei 
Und sprach von Wind und Regen. 
Die Mutter ließ die Arbelt stehn 
Und schlich sich nach der Tennen: 
Da Hub der Haushahn an zu krähn 
Und sprach zu seinen Hennen: 
»Ei, ei, die Alte läßt allein 
Mit einem Mann ihr Töchterlein; 
Ihr Weiberleut, ich merke, 
Es ist da was im Werke.«

Bescheiden zogen sich zurück 
Der Hahn und seine Hühner. 
Der Hans in seinem Liebesglück 
Ward kühner, immer kühner. 
Am Ende schlang er seinem Schatz 
Den linken Arm ums Leibchen. 
Das sah vom Scheunendach der Spatz 
Und sprach zu seinem Weibchen: 

»Wenn das geschieht zur Maienzeit 
Und sie nicht Mord und Zeter schreit, 
So hats was zu bedeuten, 
Zumal bei jungen Leuten.«

Die Grete trug an ihrer Hand 
Auf einmal einen Reifen. 
Nun mag der Spatz im ganzen Land 
Von ihrem Glücke pfeifen. 
Vom Kirschbaum sanken auf das Paar 
Viel weiße Blütenblätter, 
Und im Geäste saß ein Star, 
Der sprach zu seinem Vetter: 
»Es ist ein sehr bedenklich Ding, 
Wenn sich ein goldner Fingerring 
Begeben hat aufs Wandern 
Von einer Hand zur andern.«

Confirmed with Unartige Musenkinder, ed. by Richard Zoozmann, Leipzig, Hesse & Becker Verlag.


Authorship:

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):


Researcher for this text: Emily Ezust [Administrator]

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