by Gottfried Keller (1819 - 1890)

O Erde, du gedrängtes Meer
Language: German (Deutsch) 
O Erde, du gedrängtes Meer  
Unzähliger Gräberwogen,
Wie viele Schifflein kummerschwer
Hast du hinuntergezogen,
Hinab in die wellige grünende Flut,
Die reglos starrt und doch nie ruht. 

Ich sah einen Nachen von Tannenholz,
Sechs Bretter vor Blumen umwunden,
Drin lag eine Schifferin bleich und stolz,
Sie ist versunken, verschwunden!  
Die Leichte fuhr so tief hinein,
Und oben blieb der schwere Stein!

Ich wandle wie Christ auf den Wellen frei,
Als die zagenden Jünger ihn riefen;
Ich senke mein Herz wie des Lootzen Blei
Hinab in die schweigenden Tiefen;
Ein schmales Gitter von seinem Gebein,
Das liegt dort unten und schließt es ein.

Die Trauerweide umhüllt mich dicht,
Rings fließt ihr Haar auf's Gelände,
Verstrickt mir die Füße mit Kettengewicht
Und bindet mir Arme und Hände:
Das ist jene Weide von Eis und Glas,
Hier steht sie und würgt mich im grünen Gras.  

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Confirmed with Gesammelte Gedichte von Gottfried Keller, Berlin: Wilhelm Hertz, 1883. Appears in Erstes Lieben, Trauerweide, no. 2, pages 82 - 83.


Authorship:

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive):


Researcher for this text: Melanie Trumbull

This text was added to the website: 2019-01-03
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