Zwei Lieder nach Texten von Friedrich Rückert

by Richard Robert Klein

1. Vom Büblein, das überall mitgenommen hat sein wollen [sung text not yet checked]

Denk an! das Büblein ist einmal 
Spazieren gangen im Wiesenthal. 
Da wurd's müd gar sehr, 
Und sprach: Ich kann nicht mehr, 
Wenn nur was käme 
Und mich mitnähme! 
Da ist das Bächlein gefloßen kommen, 
Und hat's Büblein mitgenommen; 
Das Büblein hat sich aufs Bächlein gesetzt, 
Und hat gesagt:  So gefällt mir's jetzt. 

Aber was mein'st du?  das Bächlein war kalt, 
Das hat das Büblein gespürt gar bald, 
Es hats gefroren gar sehr, 
Es sagt: Ich kann nicht mehr, 
Wenn nur was käme 
Und mich mitnähme! 
Da ist das Schifflein geschwommen kommen, 
Und hat's Büblein mitgenommen;  
Das Büblein hat sich aufs Schifflein gesetzt, 
Und hat gesagt: So gefällt mir's jetzt.   

Aber siehst du? das Schifflein war schmal, 
Das Büblein denkt:  da fall' ich einmal;   
Da fürcht es sich gar sehr, 
Und sagt:  ich mag nicht mehr, 
wenn nur was käme 
Und mich mitnähme! 
Das ist die Schnecke gekroschen gekommen, 
Und hat's Büblein mitgenommen; 
Das Büblein hat sich ins Schneckenhäuslein gesetzt, 
Und hat gesagt: So gefällt mir's jetzt. 

Aber denkt!  die Schnecke war kein Gaul,  
Sie war im Kriechen gar zu faul;
Dem Büblein ging's langsam zu sehr, 
Es sagt:  Ich mag nicht mehr, 
Wenn nur was käme 
Und mich mitnähme! 
Das ist der Reiter geritten gekommen, 
Und hat's Büblein mitgenommen; 
Das Büblein hat sich hinten auf's Pferd gesetzt 
Und hat gesagt:  So gefällt mir's jetzt.  

Aber gieb Acht! das ging wie der Wind, 
Es ging dem Büblein gar zu geschwind; 
Es hopft darauf hin und her 
Und schreit:  Ich kann nicht mehr, 
Wenn nur was käme 
Und mich mitnähme! 
Da ist ein Baum ihm ins Haar gekommen  
Und hat's Büblein mitgenommen;  
Er hat's gehängt an einen Ast gar hoch, 
Dort hängt das Büblein und zappelt noch. 

Das Kind fragt:  
     Ist denn das Büblein gestorben? 
Antwort: 
     Nein!  es zappelt ja noch! 
Morgen gehen wir 'raus und thun's 'runter.

Authorship:

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Confirmed with Gedichte von Friedrich Rückert, Frankfurt am Main: J. D. Sauerländer, 1847, pages 120-121.


Researcher for this text: Melanie Trumbull

2. Das Männlein in der Gans [sung text not yet checked]

Das Männlein ging spazieren einmal
Auf dem Dach, ei seht doch!
Das Männlein ist hurtig, das Dach ist schmal,
Giebt Acht, es fällt noch.  
Eh' sich's versieht, fällt's vom Dach herunter
Und bricht den Hals nicht; das ist ein Wunder.

Unter dem Dach steht ein Wasserzüber,
Hinein fällt's nicht schlecht; 
Da wird es naß über und über,
Ei, das geschieht ihm recht.  
Da kommt die Gans gelaufen, 
Die wird's Männlein saufen.

Die Gans hat's Männlein hintergeschluckt,  
Sie hat einen guten Magen; 
Aber das Männlein hat sie doch gedruckt,
Das wollt' ich sagen.    
Da schreit die Gans ganz jämmerlich;    
Das ist der Köchin ärgerlich. 

Die Köchin wetzt das Messer,   
Sonst schneidt's ja nicht;  
Die Gans schreit so, es ist nicht besser,
Als daß man sie sticht;   
Wir wollen sie nehmen und schlachten   
Zum Braten auf Weihnachten.    

Sie rupft die Gans und nimmt sie aus    
Und brät sie,   
Aber das Männlein darf nicht 'raus,  
Versteht sich;   
Die Gans wird eben gebraten,  
Was kann's dem Männlein schaden?   

Weihnachten kommt die Gans auf den Tisch   
Im Pfännlein;   
Der Vater thut sie 'raus und zerschneid't sie Frisch.           
Und das Männlein?     
Wie die Gans zerschnitten,   
Kriecht's Männlein aus der Mitten.    

Da springt der Vater vom Tisch auf,   
Da wird der Stuhl leer;   
Da setzt das Männlein sich drauf 
Und macht sie über die Gans her.   
Es sagt:  du hast mich gefressen,  
Jetzt will ich dafür dich essen. 

Da ißt das Männlein gewaltig drauf los,  
Als waren's seiner sieben;  
Da essen wir Alle dem Männlein zum Trotz,   
Da ist nichts über geblieben   
Von der ganzen Gans   als ein Tätzlein,   
Das kriegen dort hinten die Kätzlein.  

Nichts kriegt die Maus,  
Das Mährlein ist aus.   
Was ist denn das? 
Ein Weihnachtsspaß;     
Auf's Neujahr lernst  
Du, was?  
Den Ernst.

Authorship:

Confirmed with Gedichte von Friedrich Rückert, Frankfurt am Main: Sauerländer, 1841, pages 117-118.


Researcher for this text: Melanie Trumbull
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