Fünf Gedichte von Paul Celan

Song Cycle by Aribert Reimann (b. 1936)

1. Blume [sung text checked 1 time]

Der Stein.
Der Stein in der Luft, dem ich folgte.
Dein Aug, so blind wie der Stein.

Wir waren
Hände,
wir schöpften die Finsternis leer, wir fanden
das Wort, das den Sommer heraufkam:
Blume.

Blume - ein Blindenwort.
Dein Aug und mein Aug:
sie sorgen
für Wasser.

Wachstum.
Herzwand um Herzwand
blättert hinzu.

Ein Wort noch, wie dies, und die Hämmer
schwingen im Freien.

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2. Auge der Zeit [sung text checked 1 time]

Dies ist das Auge der Zeit:
es blickt scheel 
unter siebenfarbener Braue.
Sein Lid wird von Feuern gewaschen,
seine Träne ist Dampf. 

Der blinde Stern fliegt es an
und zerschmilzt an der heißeren Wimper:
es wird warm in der Welt
und die Toten 
knospen und blühen.

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3. Tenebrae [sung text checked 1 time]

Nah sind wir Herr, 
nahe und greifbar. 

Gegriffen schon, Herr, 
ineinander verkrallt, als wär 
der Leib eines jeden von uns 
dein Leib, Herr. 

Bete, Herr, 
bete zu uns, 
wir sind nah. 

Windschief gingen wir hin, 
gingen wir hin, uns zu bücken 
nach Mulde und Maar. 

Zur Tränke gingen wir, Herr. 

Es war Blut, es war, 
was du vergossen, Herr. 

Es glänzte. 

Es warf uns dein Bild in die Augen, Herr, 
Augen und Mund stehn so offen und leer, Herr. 

Wir haben getrunken, Herr. 
Das Blut und das Bild, das im Blut war, Herr. 

Bete, Herr. 
Wir sind nah.

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4. Heute und morgen [sung text checked 1 time]

So steh ich, steinern, zur 
Ferne, in die ich dich führte: 

Von Flugsand 
ausgewaschen die beiden 
Höhlen am untern Stirnsaum. 
Eräugtes 
Dunkel darin. 

Durchpocht 
von schweigsam geschwungenen Hämmern 
die Stelle, 
wo mich das Flügelaug streifte. 

Dahinter, 
ausgespart in der Wand, 
die Stufe, 
drauf das Erinnerte hockt. 

Hierher 
sickert, von Nächten beschenkt, 
eine Stimme, 
aus der du den Trunk schöpfst.

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Researcher for this text: Caroline Diehl

5. Ein Lied in der Wüste [sung text checked 1 time]

Ein Kranz ward gewunden aus schwärzlichem Laub in der Gegend von Akra: 
dort riß ich den Rappen herum und stach nach dem Tod mit dem Degen. 
Auch trank ich aus hölzernen Schalen die Asche der Brunnen von Akra 
und zog mit gefälltem Visier den Trümmern der Himmel entgegen. 
Denn tot sind die Engel und blind ward der Herr in der Gegend von Akra, 
und keiner ist, der mir betreue im Schlaf die zur Ruhe hier gingen. 
Zuschanden gehaun ward der Mond, das Blümlein der Gegend von Akra: 
so blühn, die den Dornen es gleichtun, die Hände mit rostigen Ringen. 
So muß ich zum Kuß mich wohl bücken zuletzt, wenn sie beten in Akra . . . 
O schlecht war die Brünne der Nacht, es sickert das Blut durch die Spangen! 
So ward ich ihr lächelnder Bruder, der eiserne Cherub von Akra. 
So sprech ich den Namen noch aus und fühl noch den Brand auf den Wangen.

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