Und als ich an die Rheinbrück kam, Wohl an die Hafenschanze, Da sah ich fließen den Vater Rhein Im stillen Mondenglanze. Sey mir gegrüßt, mein Vater Rhein, Wie ist es mir ergangen? Ich habe oft an dich gedacht, Mit Sehnsucht und Verlangen. So sprach ich, da hört' ich im Wasser tief Gar seltsam grämliche Töne, Wie Hüsteln eines alten Manns, Ein Brümmeln und weiches Gestöhne: "Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb, Daß du mich nicht vergessen; Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht, Mir ging es schlecht unterdessen. "Zu Biberich hab' ich Steine verschluckt, Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker! Doch schwerer liegen im Magen mir Die Verse von Niklas Becker. "Er hat mich besungen, als ob ich noch Die reinste Jungfer wäre, Die sich von niemand rauben läßt Das Kränzlein ihrer Ehre. "Wenn ich es höre, das dumme Lied, Dann möcht ich mir zerraufen Den weißen Bart, ich möchte fürwahr Mich in mir selbst ersaufen! "Daß ich keine reine Jungfer bin, Die Franzosen wissen es besser, Sie haben mit meinem Wasser so oft Vermischt ihr Siegergewässer. "Das dumme Lied und der dumme Kerl! Er hat mich schmählich blamiret, Gewissermaßen hat er mich auch Politisch kompromittiret. "Denn kehren jetzt die Franzosen zurück, So muß ich vor ihnen erröthen, Ich, der um ihre Rückkehr so oft Mit Thränen zum Himmel gebeten. "Ich habe sie immer so lieb gehabt, Die lieben kleinen Französchen - Singen und springen sie noch wie sonst? Tragen noch weiße Höschen? "Ich möchte sie gerne wiedersehn, Doch fürcht' ich die Persifflage, Von wegen des verwünschten Lieds, Von wegen der Blamage. "Der Alphred de Müsset, der Gassenbub, Der kommt an ihrer Spitze Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor All seine schlechten Witze." So klagte der arme Vater Rhein, Konnt sich nicht zufrieden geben. Ich sprach zu ihm manch tröstendes Wort, Um ihm das Herz zu heben: O, fürchte nicht, mein Vater Rhein, Den spöttelnden Scherz der Franzosen; Sie sind die alten Franzosen nicht mehr, Auch tragen sie andere Hosen. Die Hosen sind roth und nicht mehr weiß, Sie haben auch andere Knöpfe, Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr, Sie senken nachdenklich die Köpfe. Sie philosophiren und sprechen jetzt Von Kant, von Fischte und Hegel, Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier, Und manche schieben auch Kegel. Sie werden Philister ganz wie wir Und treiben es endlich noch ärger; Sie sind keine Voltairianer mehr, Sie werden Hengstenberger. Der Alphred de Müsset, das ist wahr, Ist noch ein Gassenjunge; Doch fürchte nichts, wir fesseln ihm Die schändliche Spötterzunge. Und trommelt er dir einen schlechten Witz, So pfeifen wir ihm einen schlimmern, Wir pfeifen ihm vor was ihm passirt Bei schönen Frauenzimmern. Gieb dich zufrieden, Vater Rhein, Denk' nicht an schlechte Lieder, Ein besseres Lied vernimmst du bald - Leb wohl, wir sehen uns wieder.
Köln
Set by Leonard J[ordan] Lehrman (b. 1949), "Köln", op. 72 no. 2, published 1984 [ male voice and piano ], from Ein Wanderer durch Deutschland, nach Heines Wintermärchen (A Wanderer through DEUTSCHLAND after Heine's Wintermärchen), no. 2
 [sung text not yet checked]
Note: this setting is made up of several separate texts.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 5
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 1 [an adaptation]
Zu Cöllen kam ich spät Abends an, Da hörte ich rauschen den Rheinfluß, Da fächelte mich schon deutsche Luft, Da fühlt' ich ihren Einfluß -- Auf meinen Appetit. Ich aß Dort Eierkuchen mit Schinken, Und da er sehr gesalzen war Mußt ich auch Rheinwein trinken. Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold Im grünen Römerglase, Und trinkst du etwelche Schoppen zu viel, So steigt er dir in die Nase. In die Nase steigt ein Prickeln so süß, Man kann sich vor Wonne nicht lassen! Es trieb mich hinaus in die dämmernde Nacht, In die wiederhallenden Gassen. Die steinernen Häuser schauten mich an, Als wollten sie mir berichten Legenden aus altverschollener Zeit, Der heilgen Stadt Cöllen Geschichten. Ja, hier hat einst die Clerisey Ihr frommes Wesen getrieben, Hier haben die Dunkelmänner geherrscht, Die Ulrich von Hutten beschrieben. Der Cancan des Mittelalters ward hier Getanzt von Nonnen und Mönchen; Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Cölln, Die giftgen Denunziaziönchen. Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier Bücher und Menschen verschlungen; Die Glocken wurden geläutet dabei Und Kyrie Eleison gesungen. Dummheit und Bosheit buhlten hier Gleich Hunden auf freier Gasse; Die Enkelbrut erkennt man noch heut An ihrem Glaubenshasse. -- Doch siehe! dort im Mondenschein Den kolossalen Gesellen! Er ragt verteufelt schwarz empor, Das ist der Dom von Cöllen. Er sollte des Geistes Bastille sein, Und die listigen Römlinge dachten: In diesem Riesenkerker wird Die deutsche Vernunft verschmachten! Da kam der Luther, und er hat Sein großes "Halt!" gesprochen - Seit jenem Tage blieb der Bau Des Domes unterbrochen. Er ward nicht vollendet -- und das ist gut. Denn eben die Nichtvollendung Macht ihn zum Denkmahl von Deutschlands Kraft Und protestantischer Sendung. Ihr armen Schelme vom Domverein, Ihr wollt mit schwachen Händen Fortsetzen das unterbrochene Werk, Und die alte Zwingburg vollenden! Oh thörichter Wahn! Vergebens wird Geschüttelt der Klingelbeutel, Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar; Ist alles fruchtlos und eitel. Vergebens wird der große Franz Lißt Zum Besten des Doms musiziren, Und ein talentvoller König wird Vergebens deklamiren! Er wird nicht vollendet, der Köllner Dom, Obgleich die Narren in Schwaben Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff Voll Steine gesendet haben. Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrey Der Raben und der Eulen, Die, alterthümlich gesinnt, so gern In hohen Kirchthürmen weilen. Ja, kommen wird die Zeit sogar Wo man, statt ihn zu vollenden, Die inneren Räume zu einem Stall Für Pferde wird verwenden. "Und wird der Dom ein Pferdestall, Was sollen wir dann beginnen Mit den heil'gen drey Kön'gen, die da ruhn Im Tabernakel da drinnen?" So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns In unserer Zeit zu geniren? Die heil'gen drey Kön'ge aus Morgenland, Sie können wo anders logiren. Folgt meinem Rath und steckt sie hinein In jene drey Körbe von Eisen, Die hoch zu Münster hängen am Thurm, Der Sankt Lamberti geheißen. Fehlt etwa einer vom Triumvirat, So nehmt einen anderen Menschen, Ersetzt den König des Morgenlands Durch einen abendländschen.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 4
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanzas 5, 8-9 [an adaptation]
Zu Aachen, im alten Dome, liegt Carolus Magnus begraben. (Man muß ihn nicht verwechseln mit Karl Mayer, der lebt in Schwaben.) Ich möchte nicht tot und begraben sein Als Kaiser zu Aachen im Dome; Weit lieber lebt' ich als kleinster Poet Zu Stukkert am Neckarstrome. Zu Aachen langweilen sich auf der Straß' Die Hunde, sie flehn untertänig: «Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.» Ich bin in diesem langweil'gen Nest Ein Stündchen herumgeschlendert. Sah wieder preußisches Militär, Hat sich nicht sehr verändert. Es sind die grauen Mäntel noch Mit dem hohen, roten Kragen - (Das Rot bedeutet Franzosenblut, Sang Körner in früheren Tagen.) Noch immer das hölzern pedantische Volk, Noch immer ein rechter Winkel In jeder Bewegung, und im Gesicht Der eingefrorene Dünkel. Sie stelzen noch immer so steif herum, So kerzengerade geschniegelt, Als hätten sie verschluckt den Stock, Womit man sie einst geprügelt. Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie, Sie tragen sie jetzt im Innern; Das trauliche Du wird immer noch An das alte Er erinnern. Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur Des Zopftums neuere Phase: Der Zopf, der ehmals hinten hing, Der hängt jetzt unter der Nase. Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm Der Reuter, das muß ich loben, Besonders die Pickelhaube, den Helm Mit der stählernen Spitze nach oben. Das ist so rittertümlich und mahnt An der Vorzeit holde Romantik, An die Burgfrau Johanna von Montfaucon, An den Freiherrn Fouqué, Uhland, Tieck. Das mahnt an das Mittelalter so schön, An Edelknechte und Knappen, Die in dem Herzen getragen die Treu Und auf dem Hintern ein Wappen. Das mahnt an Kreuzzug und Turnei, An Minne und frommes Dienen, An die ungedruckte Glaubenszeit, Wo noch keine Zeitung erschienen. Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt Vom allerhöchsten Witze! Ein königlicher Einfall war's! Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze! Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht, Zieht leicht so eine Spitze Herab auf euer romantisches Haupt Des Himmels modernste Blitze! - - Zu Aachen, auf dem Posthausschild, Sah ich den Vogel wieder, Der mir so tief verhaßt! Voll Gift Schaute er auf mich nieder. Du häßlicher Vogel, wirst du einst Mir in die Hände fallen, So rupfe ich dir die Federn aus Und hacke dir ab die Krallen. Du sollst mir dann, in luft'ger Höh', Auf einer Stange sitzen, Und ich rufe zum lustigen Schießen herbei Die rheinischen Vogelschützen. Wer mir den Vogel herunterschießt, Mit Zepter und Krone belehn ich Den wackern Mann! Wir blasen Tusch Und rufen: «Es lebe der König!»
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 3
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 4 [an adaptation]