Als Republik war Hamburg nie So groß wie Venedig und Florenz, Doch Hamburg hat bessere Austern; man speist Die besten im Keller von Lorenz. Es war ein schöner Abend, als ich Mich hinbegab mit Campen; Wir wollten mit einander dort In Rheinwein und Austern schlampampen. Auch gute Gesellschaft fand ich dort, Mit Freude sah ich wieder Manch alten Genossen, z. B. Chaufepié, Auch manche neue Brüder. Da war der Wille, dessen Gesicht Ein Stammbuch, worin mit Hieben Die akademischen Feinde sich Recht leserlich eingeschrieben. Da war der Fucks, ein blinder Heid, Und persönlicher Feind des Jehovah, Glaubt nur an Hegel und etwa noch An die Venus des Canova. Mein Campe war Amphytrio Und lächelte vor Wonne; Sein Auge stralte Seligkeit, Wie eine verklärte Madonne. Ich aß und trank, mit gutem Ap'tit, Und dachte in meinem Gemüthe: "Der Campe ist wirklich ein großer Mann, Ist aller Verleger Blüthe. "Ein andrer Verleger hätte mich Vielleicht verhungern lassen, Der aber giebt mir zu trinken sogar; Werde ihn niemals verlassen. "Ich danke dem Schöpfer in der Höh', Der diesen Saft der Reben Erschuf, und zum Verleger mir Den Julius Campe gegeben! "Ich danke dem Schöpfer in der Höh', Der, durch sein großes Werde, Die Austern erschaffen in der See Und den Rheinwein auf der Erde! "Der auch Citronen wachsen ließ, Die Austern zu bethauen - Nun laß mich, Vater, diese Nacht Das Essen gut verdauen!" Der Rheinwein stimmt mich immer weich, Und löst jedwedes Zerwürfniß In meiner Brust, entzündet darinn Der Menschenliebe Bedürfniß. Es treibt mich aus dem Zimmer hinaus, Ich muß in den Straßen schlendern; Die Seele sucht eine Seele und späh't Nach zärtlich weißen Gewändern. In solchen Momenten zerfließe ich fast Vor Wehmuth und vor Sehnen; Die Katzen scheinen mir alle grau, Die Weiber alle Helenen. - - - Und als ich auf die Drehbahn kam, Da sah ich im Mondenschimmer Ein hehres Weib, ein wunderbar Hochbusiges Frauenzimmer. Ihr Antlitz war rund und kerngesund, Die Augen wie blaue Turkoasen, Die Wangen wie Rosen, wie Kirschen der Mund, Auch etwas röthlich die Nase. Ihr Haupt bedeckte eine Mütz' Von weißem gesteiftem Linnen, Gefältelt wie eine Mauerkron', Mit Thürmchen und zackigen Zinnen. Sie trug eine weiße Tunika, Bis an die Waden reichend. Und welche Waden! Das Fußgestell Zwey dorischen Säulen gleichend. Die weltlichste Natürlichkeit Konnt man in den Zügen lesen; Doch das übermenschliche Hintertheil Verrieth ein höheres Wesen. Sie trat zu mir heran und sprach: "Willkommen an der Elbe, Nach dreyzehnjähr'ger Abwesenheit - Ich sehe du bist noch derselbe! "Du suchst die schönen Seelen vielleicht, Die dir so oft begegen't Und mit dir geschwärmt die Nacht hindurch, In dieser schönen Gegend. "Das Leben verschlang sie, das Ungethüm, Die hundertköpfige Hyder'; Du findest nicht die alte Zeit Und die Zeitgenössinnen wieder! "Du findest die holden Blumen nicht mehr, Die das junge Herz vergöttert; Hier blühten sie - jetzt sind sie verwelkt, Und der Sturm hat sie entblättert. "Verwelkt, entblättert, zertreten sogar Von rohen Schicksalsfüßen - Mein Freund, das ist auf Erden das Loos Von allem Schönen und Süßen!" Wer bist du? - rief ich - du schaust mich an Wie'n Traum aus alten Zeiten - Wo wohnst du, großes Frauenbild? Und darf ich dich begleiten? Da lächelte das Weib und sprach: "Du irrst dich, ich bin eine feine, Anständ'ge, moralische Person; Du irrst dich, ich bin nicht so Eine. "Ich bin nicht so eine kleine Mamsell, So eine welsche Lorettinn - Denn wisse: ich bin Hammonia, Hamburgs beschützende Göttinn! "Du stutzest und erschreckst sogar, Du sonst so muthiger Sänger! Willst du mich noch begleiten jetzt? Wohlan, so zög're nicht länger." Ich aber lachte laut und rief: Ich folge auf der Stelle - Schreit' du voran, ich folge dir, Und ging' es in die Hölle!
Die Göttin
Set by Leonard J[ordan] Lehrman (b. 1949), "Die Göttin", op. 72 no. 10, published 1984 [ male voice and piano ], from Ein Wanderer durch Deutschland, nach Heines Wintermärchen (A Wanderer through DEUTSCHLAND after Heine's Wintermärchen), no. 10
 [sung text not yet checked]
Note: this setting is made up of several separate texts.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 23
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 15 [an adaptation]
Die Göttin hat mir Thee gekocht Und Rum hineingegossen; Sie selber aber hat den Rum Ganz ohne Thee genossen. An meine Schulter lehnte sie Ihr Haupt (die Mauerkrone, Die Mütze, ward etwas zerknittert davon) Und sie sprach mit sanftem Tone: "Ich dachte manchmal mit Schrecken dran, Daß du in dem sittenlosen Paris so ganz ohne Aufsicht lebst, Bei jenen frivolen Franzosen. "Du schlenderst dort herum, und hast Nicht mahl an deiner Seite Einen treuen deutschen Verleger, der dich Als Mentor warne und leite. "Und die Verführung ist dort so groß, Dort giebt es so viele Sylphiden, Die ungesund, und gar zu leicht Verliert man den Seelenfrieden. "Geh' nicht zurück und bleib' bei uns; Hier herrschen noch Zucht und Sitte, Und manches stille Vergnügen blüht Auch hier, in unserer Mitte. "Bleib' bei uns in Deutschland, es wird dir hier Jetzt besser als eh'mals munden; Wir schreiten fort, du hast gewiß Den Fortschritt selbst gefunden. "Auch die Censur ist nicht mehr streng, Hoffmann wird älter und milder, Und streicht nicht mehr mit Jugendzorn Dir deine Reisebilder. "Du selbst bist älter und milder jetzt, Wirst dich in manches schicken, Und wirst sogar die Vergangenheit In besserem Lichte erblicken. "Ja, daß es uns früher so schrecklich ging, In Deutschland, ist Uebertreibung; Man konnte entrinnen der Knechtschaft, wie einst In Rom, durch Selbstentleibung. "Gedankenfreiheit genoß das Volk, Sie war für die großen Massen, Beschränkung traf nur die g'ringe Zahl Derjen'gen, die drucken lassen. "Gesetzlose Willkür herrschte nie, Dem schlimmsten Demagogen Ward niemals ohne Urtheilspruch Die Staatskokarde entzogen. "So übel war es in Deutschland nie, Trotz aller Zeitbedrängniß - Glaub' mir, verhungert ist nie ein Mensch In einem deutschen Gefängniß. "Es blühte in der Vergangenheit So manche schöne Erscheinung Des Glaubens und der Gemüthlichkeit; Jetzt herrscht nur Zweifel, Verneinung. "Die praktische äußere Freiheit wird einst Das Ideal vertilgen, Das wir im Busen getragen - es war So rein wie der Traum der Liljen! Auch unsre schöne Poesie Erlischt, sie ist schon ein wenig Erloschen; mit andern Königen stirbt Auch Freiligraths Mohrenkönig. "Der Enkel wird essen und trinken genug, Doch nicht in beschaulicher Stille; Es poltert heran ein Spektakelstück, Zu Ende geht die Idylle. "O, könntest du schweigen, ich würde dir Das Buch des Schicksals entsiegeln, Ich ließe dir spätere Zeiten seh'n In meinen Zauberspiegeln. "Was ich den sterblichen Menschen nie Gezeigt, ich möcht' es dir zeigen: Die Zukunft deines Vaterlands - Doch ach! du kannst nicht schweigen!" Mein Gott, o Göttin! - rief ich entzückt - Das wäre mein größtes Vergnügen, Laß mich das künftige Deutschland sehn - Ich bin ein Mann und verschwiegen. Ich will dir schwören jeden Eid, Den du nur magst begehren, Mein Schweigen zu verbürgen dir - Sag an, wie soll ich schwören? Doch jene erwiederte: "Schwöre mir In Vater Abrahams Weise, Wie er Eliesern schwören ließ, Als dieser sich gab auf die Reise. "Heb' auf das Gewand und lege die Hand Hier unten an meine Hüften, Und schwöre mir Verschwiegenheit In Reden und in Schriften!" Ein feierlicher Moment! Ich war Wie angeweht vom Hauche Der Vorzeit, als ich schwur den Eid, Nach uraltem Erzväterbrauche. Ich hob das Gewand der Göttin auf, Und legte an ihre Hüften Die Hand, gelobend Verschwiegenheit In Reden und in Schriften.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 25
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , no title, stanzas 1-2,6-7,13,11,18,20 [an adaptation]