Die Wangen der Göttinn glühten so roth, (Ich glaube, in die Krone Stieg ihr der Rum) und sie sprach zu mir In sehr wehmüthigem Tone: "Ich werde alt. Geboren bin ich Am Tage von Hamburgs Begründung. Die Mutter war Schellfischköniginn Hier an der Elbe Mündung. "Mein Vater war ein großer Monarch, Carolus Magnus geheißen, Er war noch mächt'ger und klüger sogar Als Friedrich der Große von Preußen. "Der Stuhl ist zu Aachen, auf welchem er Am Tage der Krönung ruhte; Den Stuhl worauf er saß in der Nacht, Den erbte die Mutter, die gute. "Die Mutter hinterließ ihn mir, Ein Möbel von scheinlosem Aeußern, Doch böte mir Rothschild all' sein Geld, Ich würde ihn nicht veräußern. "Siehst du, dort in dem Winkel steht Ein alter Sessel, zerrissen Das Leder der Lehne, von Mottenfraß Zernagt das Polsterkissen. "Doch gehe hin und hebe auf Das Kissen von dem Sessel, Du schaust eine runde Oeffnung dann, Darunter einen Kessel - "Das ist ein Zauberkessel worin Die magischen Kräfte brauen, Und steckst du in die Ründung den Kopf, So wirst du die Zukunft schauen - "Die Zukunft Deutschlands erblickst du hier, Gleich wogenden Phantasmen, Doch schaudre nicht, wenn aus dem Wust Aufsteigen die Miasmen!" Sie sprach's und lachte sonderbar, Ich aber ließ mich nicht schrecken, Neugierig eilte ich den Kopf In die furchtbare Ründung zu stecken. Was ich gesehn, verrathe ich nicht, Ich habe zu schweigen versprochen, Erlaubt ist mir zu sagen kaum, O Gott! was ich gerochen! - - - Ich denke mit Widerwillen noch An jene schnöden, verfluchten Vorspielgerüche, das schien ein Gemisch Von altem Kohl und Juchten. Entsetzlich waren die Düfte, o Gott! Die sich nachher erhuben; Es war als fegte man den Mist Aus sechs und dreißig Gruben. - - - Ich weiß wohl was Saint-Just gesagt Weiland im Wohlfahrtsausschuß: Man heile die große Krankheit nicht Mit Rosenöl und Moschus - Doch dieser deutsche Zukunftsduft Mocht alles überragen Was meine Nase je geahnt - Ich konnt es nicht länger ertragen - - - Mir schwanden die Sinne, und als ich aufschlug Die Augen, saß ich an der Seite Der Göttin noch immer, es lehnte mein Haupt An ihre Brust, die breite. Es blitzte ihr Blick, es glühte ihr Mund, Es zuckten die Nüstern der Nase, Bachantisch umschlang sie den Dichter und sang Mit schauerlich wilder Extase: "Bleib bei mir in Hamburg, ich liebe dich, Wir wollen trinken und essen Den Wein und die Austern der Gegenwart, Und die dunkle Zukunft vergessen. "Den Deckel darauf! damit uns nicht Der Mißduft die Freude vertrübet - Ich liebe dich, wie je ein Weib Einen deutschen Poeten geliebet! "Ich küsse dich, und ich fühle wie mich Dein Genius begeistert; Es hat ein wunderbarer Rausch Sich meiner Seele bemeistert. "Mir ist, als ob ich auf der Straß' Die Nachtwächter singen hörte - Es sind Hymeneen, Hochzeitmusik, Mein süßer Lustgefährte! "Jetzt kommen die reitenden Diener auch, Mit üppig lodernden Fackeln, Sie tanzen ehrbar den Fackeltanz, Sie springen und hüpfen und wackeln. "Es kommt der hoch- und wohlweise Senat, Es kommen die Oberalten; Der Bürgermeister räuspert sich Und will eine Rede halten. "In glänzender Uniform erscheint Das Corps der Diplomaten; Sie gratuliren mit Vorbehalt Im Namen der Nachbarstaaten. "Es kommt die geistliche Deputazion, Rabiner und Pastöre - Doch ach! da kommt der Hoffmann auch Mit seiner Censorscheere! "Die Scheere klirrt in seiner Hand, Es rückt der wilde Geselle Dir auf den Leib - Er schneidet in's Fleisch - Es war die beste Stelle."
Was ich gesehn
Set by Leonard J[ordan] Lehrman (b. 1949), "Was ich gesehn", op. 72 no. 12, published 1984 [ male voice and piano ], from Ein Wanderer durch Deutschland, nach Heines Wintermärchen (A Wanderer through DEUTSCHLAND after Heine's Wintermärchen), no. 12
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Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 26
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanzas 11-12,22,24,23 [an adaptation]
Was sich in jener Wundernacht Des weitern zugetragen, Erzähl' ich Euch einandermahl, In warmen Sommertagen. Das alte Geschlecht der Heucheley Verschwindet Gott sey Dank heut, Es sinkt allmählig in's Grab, es stirbt An seiner Lügenkrankheit. Es wächst heran ein neues Geschlecht, Ganz ohne Schminke und Sünden, Mit freien Gedanken, mit freier Lust - Dem werde ich Alles verkünden. Schon knospet die Jugend, welche versteht Des Dichters Stolz und Güte, Und sich an seinem Herzen wärmt, An seinem Sonnengemüthe. Mein Herz ist liebend wie das Licht, Und rein und keusch wie das Feuer; Die edelsten Grazien haben gestimmt Die Saiten meiner Leyer. Es ist dieselbe Leyer, die einst Mein Vater ließ ertönen, Der selige Herr Aristophanes, Der Liebling der Kamönen. Es ist die Leyer, worauf er einst Den Paisteteros besungen, Der um die Basileia gefreyt, Mit ihr sich emporgeschwungen. Im letzten Capitel hab' ich versucht Ein bischen nachzuahmen Den Schluß der "Vögel", die sind gewiß Das beste von Vaters Dramen. Die "Frösche" sind auch vortrefflich. Man giebt In deutscher Uebersetzung Sie jetzt auf der Bühne von Berlin, Zu königlicher Ergetzung. Der König liebt das Stück. Das zeugt Von gutem antiquen Geschmacke; Den Alten amüsirte weit mehr Modernes Froschgequacke. Der König liebt das Stück. Jedoch Wär' noch der Autor am Leben, Ich riethe ihm nicht sich in Person Nach Preußen zu begeben. Dem wirklichen Aristophanes, Dem ginge es schlecht, dem Armen; Wir würden ihn bald begleitet sehn Mit Chören von Gensd'armen. Der Pöbel bekäm' die Erlaubniß bald Zu schimpfen statt zu wedeln; Die Polizei erhielte Befehl Zu fahnden auf den Edeln. O König! Ich meine es gut mit dir, Und will einen Rath dir geben: Die todten Dichter, verehre sie nur, Doch schone die da leben. Beleid'ge lebendige Dichter nicht, Sie haben Flammen und Waffen, Die furchtbarer sind als Jovis Blitz, Den ja der Poet erschaffen. Beleid'ge die Götter, die alten und neu'n, Des ganzen Olymps Gelichter, Und den höchsten Jehovah obendrein - Beleid'ge nur nicht den Dichter! Die Götter bestrafen freilich sehr hart Des Menschen Missethaten, Das Höllenfeuer ist ziemlich heiß, Dort muß man schmoren und braten - Doch Heilige giebt es, die aus der Glut Losbeten den Sünder; durch Spenden An Kirchen und Seelenmessen wird Erworben ein hohes Verwenden. Und am Ende der Tage kommt Christus herab Und bricht die Pforten der Hölle; Und hält er auch ein strenges Gericht, Entschlüpfen wird mancher Geselle. Doch giebt es Höllen aus deren Haft Unmöglich jede Befreiung; Hier hilft kein Beten, ohnmächtig ist hier Des Welterlösers Verzeihung. Kennst du die Hölle des Dante nicht, Die schrecklichen Terzetten? Wen da der Dichter hineingesperrt, Den kann kein Gott mehr retten - Kein Gott, kein Heiland, erlöst ihn je Aus diesen singenden Flammen! Nimm dich in Acht, daß wir dich nicht Zu solcher Hölle verdammen.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 27
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Available translations, adaptations or excerpts, and transliterations (if applicable):
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanzas 1-2 [an adaptation]
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 14 [an adaptation]
Dicht hinter Hagen ward es Nacht, Und ich fühlte in den Gedärmen Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst Zu Unna, im Wirthshaus, erwärmen. Ein hübsches Mädchen fand ich dort, Die schenkte mir freundlich den Punsch ein; Wie gelbe Seide das Lockenhaar, Die Augen sanft wie Mondschein. Den lispelnd westphälischen Accent Vernahm ich mit Wollust wieder. Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch, Ich dachte der lieben Brüder, Der lieben Westphalen womit ich so oft In Göttingen getrunken, Bis wir gerührt einander an's Herz Und unter die Tische gesunken! Ich habe sie immer so lieb gehabt, Die lieben, guten Westphalen, Ein Volk so fest, so sicher, so treu, Ganz ohne Gleißen und Prahlen. Wie standen sie prächtig auf der Mensur, Mit ihren Löwenherzen! Es fielen so grade, so ehrlich gemeint, Die Quarten und die Terzen. Sie fechten gut, sie trinken gut, Und wenn sie die Hand dir reichen, Zum Freundschaftsbündniß, dann weinen sie; Sind sentimentale Eichen. Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, Er segne deine Saaten, Bewahre dich vor Krieg und Ruhm, Vor Helden und Heldenthaten. Er schenke deinen Söhnen stets Ein sehr gelindes Examen, Und deine Töchter bringe er hübsch Unter die Haube - Amen!
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 10
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- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanzas 1-2 [an adaptation]
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 8 [an adaptation]
Was sich in jener Wundernacht Des weitern zugetragen, Erzähl' ich Euch einandermahl, In warmen Sommertagen. Das alte Geschlecht der Heucheley Verschwindet Gott sey Dank heut, Es sinkt allmählig in's Grab, es stirbt An seiner Lügenkrankheit. Es wächst heran ein neues Geschlecht, Ganz ohne Schminke und Sünden, Mit freien Gedanken, mit freier Lust - Dem werde ich Alles verkünden. Schon knospet die Jugend, welche versteht Des Dichters Stolz und Güte, Und sich an seinem Herzen wärmt, An seinem Sonnengemüthe. Mein Herz ist liebend wie das Licht, Und rein und keusch wie das Feuer; Die edelsten Grazien haben gestimmt Die Saiten meiner Leyer. Es ist dieselbe Leyer, die einst Mein Vater ließ ertönen, Der selige Herr Aristophanes, Der Liebling der Kamönen. Es ist die Leyer, worauf er einst Den Paisteteros besungen, Der um die Basileia gefreyt, Mit ihr sich emporgeschwungen. Im letzten Capitel hab' ich versucht Ein bischen nachzuahmen Den Schluß der "Vögel", die sind gewiß Das beste von Vaters Dramen. Die "Frösche" sind auch vortrefflich. Man giebt In deutscher Uebersetzung Sie jetzt auf der Bühne von Berlin, Zu königlicher Ergetzung. Der König liebt das Stück. Das zeugt Von gutem antiquen Geschmacke; Den Alten amüsirte weit mehr Modernes Froschgequacke. Der König liebt das Stück. Jedoch Wär' noch der Autor am Leben, Ich riethe ihm nicht sich in Person Nach Preußen zu begeben. Dem wirklichen Aristophanes, Dem ginge es schlecht, dem Armen; Wir würden ihn bald begleitet sehn Mit Chören von Gensd'armen. Der Pöbel bekäm' die Erlaubniß bald Zu schimpfen statt zu wedeln; Die Polizei erhielte Befehl Zu fahnden auf den Edeln. O König! Ich meine es gut mit dir, Und will einen Rath dir geben: Die todten Dichter, verehre sie nur, Doch schone die da leben. Beleid'ge lebendige Dichter nicht, Sie haben Flammen und Waffen, Die furchtbarer sind als Jovis Blitz, Den ja der Poet erschaffen. Beleid'ge die Götter, die alten und neu'n, Des ganzen Olymps Gelichter, Und den höchsten Jehovah obendrein - Beleid'ge nur nicht den Dichter! Die Götter bestrafen freilich sehr hart Des Menschen Missethaten, Das Höllenfeuer ist ziemlich heiß, Dort muß man schmoren und braten - Doch Heilige giebt es, die aus der Glut Losbeten den Sünder; durch Spenden An Kirchen und Seelenmessen wird Erworben ein hohes Verwenden. Und am Ende der Tage kommt Christus herab Und bricht die Pforten der Hölle; Und hält er auch ein strenges Gericht, Entschlüpfen wird mancher Geselle. Doch giebt es Höllen aus deren Haft Unmöglich jede Befreiung; Hier hilft kein Beten, ohnmächtig ist hier Des Welterlösers Verzeihung. Kennst du die Hölle des Dante nicht, Die schrecklichen Terzetten? Wen da der Dichter hineingesperrt, Den kann kein Gott mehr retten - Kein Gott, kein Heiland, erlöst ihn je Aus diesen singenden Flammen! Nimm dich in Acht, daß wir dich nicht Zu solcher Hölle verdammen.
Text Authorship:
- by Heinrich Heine (1797 - 1856), no title, appears in Deutschland. Ein Wintermärchen, no. 27
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- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanzas 1-2 [an adaptation]
- ENG English (Leonard J[ordan] Lehrman) , stanza 14 [an adaptation]