by Conrad Ferdinand Meyer (1825 - 1898)

Die Jungfrau
Language: German (Deutsch) 
Wo sah ich Mädchen, deine Züge,
die droh'nden Augen lieblich wild,
noch rein von Eitelkeit und Lüge?
Auf Buonarottis großem Bild:

Der Schöpfer senkt sich sachten Fluges
zum Menschen, welcher schlummernd liegt,
im Schoße seines Mantelbuges
ruht himmlisches Gesind geschmiegt.

Voran ein Wesen, nicht zu nennen,
von Gottes Mantel keusch umwallt,
des Weibes Züge, zu erkennen
in einer schlanken Traumgestalt.

Sie lauscht, das Haupt hervorgewendet,
mit Augen schaut sie, tief erschreckt,
wie Adam er den Funken spendet
und seine Rechte mahnend reckt.

Sie sieht den Schlumm'rer sich erheben,
der das bewußte Sein empfängt,
auch sie sehnt dunkel sich, zu leben,
an Gottes Schulter still gedrängt -

So harrst du vor des Lebens Schranke,
noch ungefesselt vom Geschick,
ein unentweihter Gottgedanke,
und öffnest staunend deinen Blick.

View text with footnotes

Confirmed with Conrad Ferdinand Meyer, Gedichte, Leipzig: H. Haessel, 1882, page 16. Appears in 1. Vorsaal.


Authorship

Musical settings (art songs, Lieder, mélodies, (etc.), choral pieces, and other vocal works set to this text), listed by composer (not necessarily exhaustive)


Research team for this text: Caroline Diehl , Melanie Trumbull

This text was added to the website between May 1995 and September 2003.
Line count: 24
Word count: 125